Neu Geben „Frühe Früchte“ & „Hot Cold Bodies“ / Doppelreview

Retrospektive Songskizzen und vergleichsweise geschliffenes (Mini-)Debüt in der Gegenüberstellung.

„Das Hauptgeschäft der Pop-Musik-Rezeption“, sagte Diedrich Diederichsen kürzlich der Deutschen Presse-Agentur, funktioniere am besten mit „halbverstandener Sprache“. Das heißt: Vorstellungskraft und Projektion dominieren einen zu kleinen Wortschatz und zu geringes Grammatikwissen der englischen Sprache. Dieses Phänomen lässt sich insbesondere anhand der kindlichen sowie jugendlichen Wahrnehmung von Pop beobachten.

Franz von Redens Frühe Früchte könnten diesbezüglich als neues Forschungsmaterial dienen. Der Songwriter präsentiert retrospektiv 21 Songskizzen aus dem Heimarchiv, die zum Teil vor rund 15 Jahren entstanden sind. In nicht wenigen Songs murmelt und nuschelt von Reden unter seinem Alias Neu Geben so sehr in den damals noch revolutionären Windows-Audiorecorder (Paradebeispiel: „I Walk The Line“), dass die englische Sprache kaum zu entziffern ist – und so als Schutzschild vor Deutungsversuchen der intimen Texte fungiert. Zwischenzeitlich singt von Reden aber auch auf Deutsch (was man genauso wenig versteht) über Revolution, den Spaziergang am Nachmittag und seine vor dem Computer übereinander gestreckten Beine. Es ist diese beiläufige Intimität, die seine unprätentiösen Demos so spannend macht. Genauso charmant sind die laienhaften Gitarren geraten, die oft von den vorinstallierten Anwendungen einer heute längst überholten Software begleitet werden. Der nicht näher datierte, in den Tiefen der Festplatte aber gesavte Electronica-Entwurf „Trance110 (Mix Down 04)“ könnte mit seiner ambitionierten Kopplung von verrauschter Gitarre und faserigem Breakbeat dagegen von einer B-Seiten-Compilation von The Notwist stammen.

Es ist eine beiläufige Intimität, die diese unprätentiösen Demos so spannend macht.

Hot Cold Bodies, das eigentliche (Mini-)Debüt von Neu Geben, kommt hingegen mit wesentlich geschliffenerem Sound daher. Dezente Percussion und warme Synthesizer umgarnen die beinahe andächtige Stimme von Redens, der mittlerweile mehr Gitarrengriffe beherrscht („Autofahren“) und seine Aussprache deutlich gepimpt hat. Die Stimmung ist romantischer, man spürt sein Faible für minimalistischen Kraut und koketten Lo-Fi. Die seltsame Magie der frühen Fragmente bleibt jedoch unerreicht. Vielleicht weil man ihn eine Spur zu gut versteht.

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