Zoot Woman „Absence“ / Gestaltungsreview

Wo das permanente Zuviel und die individualistische Bettelei um Aufmerksamkeit herrschen, ist es nicht die schlechteste Taktik von Zoot Woman, eine Dreierkette aus Simplizität, Minimalismus und Leere aufs Feld zu schicken.

Die Seele überlebt das Informationsgeballer am besten, indem sie wahrnehmungsökonomisch abrüstet. Täglich müssen wir durch Titten laufen, ploppen vor unseren Netzhäuten bedrückend bunte Bilder auf, werden wir von Appellen zum Konsum oder Konsumverzicht angeschnauzt und von Meinungsaufsagern kujoniert. Die gesündeste Reaktion des bedrängten Ichs: Just say no, schau nicht hin, desensibilisier dich temporär, um deine Sensibilität zu retten, mach „Weiß ich nicht“ zu deinem Lieblingssatz, tappe aber nicht in die Entschleunigungsfalle des Achtsamkeitsfaschismus, der Denken durch Fühlen ersetzen will.

Das Neue ist meist das vergessene Alte.

Wo das permanente Zuviel und die individualistische Bettelei um Aufmerksamkeit herrschen, ist es nicht die schlechteste Taktik, eine Dreierkette aus Simplizität, Minimalismus und Leere aufs Feld zu schicken. „Huch, das Produkt schreit ja gar nicht, sondern ruht mit majestätischer Opazität in sich selbst. Wie interessant und neu!“ Schwups, durch auffallende Unauffälligkeit wieder einen Proselyten gemacht. Genauso verfahren die UK-Elektropopper von Zoot Woman auf ihrem fünften Album. Rot auf Blau steht in serifenloser Linear-Antiqua: „front cover“. Der semiotischen Verschmitztheit, mit der sich der Signifikant der referierten Sache Tonträgerhülle selbst bemächtigt und dadurch auf sich zurückverweist, setzt der Titel Absence das poststrukturalistische Krönlein auf. Ist doch eine artikulierte Abwesenheit paradoxerweise eine Anwesenheit. Zoot Woman deuten damit auf das Wechselspiel von Präsenz und Absenz hin, auf dem unser Sprachsystem beruht: Etwas ist genau dadurch etwas, dass es etwas anderes nicht ist. Ich kann nicht „schön“ sagen, ohne das Hässliche mitzudenken.

Das heißt auch, dass nichts aus sich selbst heraus etwas bedeuten kann. Jeder Minimalismus ist ein Veto gegenüber barocker Zukleisterung, die er in einer Geste evoziert und negiert. Die von Zoot Woman verehrten Pet Shop Boys wissen das ebenso wie Factory-Records-Hausdesigner Peter Saville, von dessen modernistischer Reduktionskunst seit Ende der Siebziger das Absence-Design nicht sonderlich dezent zehrt. Damit zeigt sich wieder einmal: Das Neue ist in Zeiten des Retroismus meist das vergessene Alte.

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