Beth Ditto „Fake Sugar“ / Review

Beth Dittos neues Album ist so unverfroren und sexy, trotzdem fragil und sensibel, dass ihr Allgemeinplätze, oohlalas und nananaa-heeys, verziehen werden müssen.

Elf Jahre nachdem Gossip ihren großen Durchbruch mit einer hüft- und faustschüttelnden Hymne gegen George W. Bushs Eingrenzung der Homo-Ehe feierten, sind sowohl Gossip als auch Bush Geschichte. Eine, an die man angesichts der realen Gefahr, die heute vom Weißen Haus ausgeht, fast mit Wehmut zurückdenkt. Es ist also beruhigend zu wissen, dass die jenseits normierter Dimensionen existierende Pop- und Gay-Ikone Beth Ditto sich auch solo noch breitbeinig in den way of control stellt und trotz Nachwuchs, Rückzug ins ländliche Arkansas, eigener Modekollektion und Autobiografie namens Heavy Cross ihr Flammenwerfer-Organ auf Anschlag hält.

Pfennigabsätze im Fuß des Systems.

„Fire“ heißt folgerichtig die erste Single auf Dittos Debüt – und gibt mit einem stampfenden, durch Handclaps befeuertem four to the floor die  Marschrichtung von Fake Sugar vor: reduziert, aber explosiv, auf steter Suche nach dem bebenden Stadion-Klimax. Doch auch wenn Ditto auf „In And Out“ als durchs Leben abgeklärte Country-Bar-Queen Dolly Parton mimt – „I haven’t been born yesterday / No, I’ve been around a while“ – oder sich in einer Powerrock-Ballade wie „Lover“ zu Bonnie-Tyler-Gedächtnisgitarren das Hemd zerreißt, findet sich im Kern des trügerischen Karamellbonbons Dittos strahlende und ungebrochene Riot-Grrrl-Attitüde. Wenn sie „we could run“ singt, ist das keine Flucht in den, sondern im Konjunktiv. Wir könnten weglaufen – doch besser, wir bleiben hier und hören nicht auf, im Takt die Pfennigabsätze in den Fuß des Systems zu stampfen.

Es ist ein call to arms zu den Waffen der Liebe. So unverfroren und sexy, dabei trotzdem fragil und sensibel, dass ihr Allgemeinplätze, ein Haufen oohlalas und nananaa-heeys, verziehen werden müssen. Gingen ihr die Ideen aus? Und wenn schon. Mit Dittos Worten: „It’s okay. I don’t care.“ Denn Ditto ist auch ohne Band ein Popstar, wie unsere Zeit ihn dringend braucht. Sie trägt stolz auf der Brust, was dieser Tage nicht häufig genug wiederholt werden kann: Love Trumps Hate. Und Ditto sowieso alle anderen.

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