Triplereview: Quindar „Hip Mobility“ vs. Sufjan Stevens, Nico Muhly, Bryce Dessner, James McAlister „Planetarium“ vs. Terrence Dixon „12,000 Miles Of Twilight“

Gleich drei Konzeptalben kehren in die Frühzeit des space age zurück.

Hinter Kalifornien liegt die last frontier, die unendliche Weite des Alls. Die undurchdringliche Blackbox des Alls und das schwarze Loch der Technologie werfen den Menschen auf sich selbst zurück, wie man in Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum sehen kann. Die Siebziger sind fasziniert von inner– und outer space, riesige Projektionsflächen tun sich da auf, Flüge ins All waren Realität geworden. Gleich drei Konzeptalben kehren nun in die Frühzeit des space age zurück.

Etwa Terrence Dixons 12,000 Miles Of Twilight, ein Detroit-Techno-Konzeptalbum, das strengen Minimalismus mit afrikanischen Rhythmen und geloopten Synthiesounds verbindet. Tracks, die den deep space zwischen den Ohren aufschließen und Originalsounds von Nasa-Countdowns in bester Hörspielmanier enthalten. Einen solchen Countdown gibt es auch auf dem Quindars Hip Mobility, das – weitere Gemeinsamkeit – ebenfalls zeigt, wie schön es ist, wenn mit Geduld programmierte Drumcomputer ihren maschinellen Funk entwickeln.

Die Vehikel stehen bereit, auf die Reise gehen muss jeder selbst.

Als „häretische Archäologie“ bezeichnen Wilcos Mikael Jorgensen und der Historiker James Merle Thomas ihren Ansatz, gefundene und künstlich erzeugte Klänge zu vermischen. Erstaunlich, wie ihr slightly pompöses Konzept so gar nicht mit dem grandiosen Space-Kitsch zusammenpassen will, der auf dem Album zu hören ist. Wer die akademischen Linernotes liest, kann sich kaum vorstellen, wie barock, üppig, überbordend, freundlich, gut gelaunt Hip Mobility die vertrödelten Nachmittage der Jugend aufruft, mit wie viel Liebe und Humor das Duo einen Soundtrack für einen nie erschienenen Steven-Spielberg-Film durcharbeitet. Die Sounds, die Quindar aus den Archiven gezogen haben, wirken subtil als Indizes für die historischen Situationen, in denen sie entstanden sind. Die charmanteste Idee ist die Auseinandersetzung mit Quindar, jenen beiden je 250 Millisekunden langen Sinustönen (2.525 kHz und 2.475 kHz), die die Kanäle zwischen Houston und den Männern im All öffneten und schlossen. Mit so etwas zu spielen und trotzdem perfekte Musik für eine Nacht am Pool zu produzieren – das ist schon far out.

Anklänge an die Siebziger, eine Zeit, in der von Schokolade berauschte Jungs von Abenteuern im Weltraum träumen konnten, finden sich auch auf Planetarium, dem versponnenen Konzeptalbum von Sufjan Stevens, Bryce Dessner, Nico Muhly, James McAlister, das sich dem Sonnensystem und den griechisch-römischen Mythologien widmet, deren Götter es bewohnen. Planetarium ist von diesen drei Trips am meisten Pop, mit dem Bombast von einschlägigen Soundtracks spielend, Klischees nicht abgeneigt, aber trotzdem alles andere als flach. Sondern filigran und manchmal beinahe psychedelisch. Gegenwärtig wird es immer dann, wenn die ätherischen Klänge des Himmels von heftigen perkussiven Clustern attackiert, wenn sie übersteuert und verzerrt, mit dem Schmutz der Körper und Maschinen konfrontiert werden. Die Vehikel stehen bereit, auf die Reise gehen muss jeder selbst.

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