Siavash Amini „Tar“ / Review

Winzige Löcher zwischen dicken Schichten sedimentartiger Drones, kontemplativen Ambientflächen und eruptivem Lärm: Siavash Amini beschwört auf seinem neuen Album die Begegnung mit dem Unbekannten.

Angst und Wut sind ein Geschwisterpaar. Wut ist, wenn sie destruktiv ist, oft nichts anderes als unterdrückte Angst. Und Angst eine menschliche Konstante, die sich aus Vorzeiten, von der Begegnung mit wilden Tieren und anderen Naturgewalten, bis heute erstreckt. Der iranische Drone-Musiker Siavash Amini behandelt auf Tar also ein anthropologisches Phänomen, wenn er untersucht, wie „Ängste und Hoffnungen des Einzelnen mit einem kollektiven Geisteszustand in Beziehung gebracht werden können“, wie er selbst schreibt.

Eine Einladung, der Angst mit voller Inbrunst zu begegnen.

Die vier vom australischen Musiker Lawrence English produzierten Stücke selbst erzeugen zwar keine Angst, aber sie beschwören die Umstände herauf, in denen sie oft entsteht: Bei der Begegnung mit dem Unbekannten, das sich nur verstehen (und bezwingen) lässt, wenn man sich ihm stellt. Der Staub im Stück „The Dust We Breathe“ etwa könnte nicht nur giftige Abgase meinen, den wir täglich einatmen, sondern auch all den rhetorischen Abfall politischer Autoritäten, die atomisierten Kurzschlusshandlungen, Pseudo-Appeasements und kollektiven Ressentiment-Produktionen der aktuellen Politik. Das angsteinflößende Unbekannte in Aminis Musik ist vor allem die Orientierungslosigkeit, da sie weder Beats noch Melodien enthält, die Struktur vorgeben könnten. Die wall of sound scheint undurchdringlich. Zu hoch, zu dicht, zu schwer lässt sie einen im Dunkeln und damit mit sich selbst allein.

Beim zweiten und dritten Hören lassen sich zwischen den dicken Schichten sedimentartiger Drones, den kontemplativen Ambientflächen und dem eruptiven Lärm winzige Löcher erkennen. Durch sie fällt trübes Licht, in dessen Widerschein sich das Selbst ganz neu erkennt – und bestenfalls dem Leben mit einer schärferen Wahrnehmung begegnen kann, die mehr von Neugier als von Furcht geleitet ist. Tar ist eine Einladung, dem vermeintlich Unbekannten und Angsteinflößenden mit voller Inbrunst zu begegnen. Denn Angst ist in den meisten Fällen nur eine Illusion, die Handlungen kontrolliert. Und nur ihre Überwindung hilft weiter im Kampf für eine bessere Welt.