Phoenix „Ti Amo“ / Review

Die heimliche Lektion der neuen Phoenix-Platte: Man muss den Horizont nicht erweitern, wenn an ihm so schön die Sonne untergeht.

Der Terror in Paris ließ auch Phoenix nicht unberührt. Ein Mitglied befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags sogar in einem Studio in der Nähe des Bataclan. Nicht unwahrscheinlich also, dass sich das sechste Album der Franzosen jenem düsteren Kapitel des Jahres 2015 annehmen würde. Stattdessen: die Leichtigkeit des italienischen Sommers.

Das muss man nicht unbedingt als Eskapismus abwerten. So ein Liebesbekenntnis zu nichts und niemanden ausgrenzendem Pop ist auch ein Statement. Ti Amo frönt der Italo Disco und versucht sich ausnahmsweise mal über nichts Gedanken zu machen, außer über die geilste Playlist für den Strand und die beste Eissorte. Pistazie oder Melone? Buzzcocks oder Lucio Battisti? Beides? Nur ob „Champagne or Prosecco“ das Glas füllen soll, verlangt Sänger Thomas Mars im Titeltrack noch Entscheidungskraft ab.

Pistazie oder Melone? Buzzcocks oder Lucio Battisti?

Die heimliche Lektion: Man muss den Horizont nicht erweitern, wenn an ihm so schön die Sonne untergeht. Auch klangästhetisch geht es dem Quartett um Entkomplizierung. Im Vergleich zum Vorgänger Bankrupt! wollen die schmelzenden Synthesizer in Songs wie „Role Model“ oder dem relaxt-romantischen „Goodbye Soleil“  nämlich nie zu viel. Gerade diese Einfachheit ist die Stärke jener Stücke. Ein zweites „Lisztomania“ sucht man vergeblich, auch bei schnelleren Songs wirkt der Sound verwaschen, beinahe verträumt. Auch im an New Order erinnernden „Fleur De Iys“ und „Tuttifrutti“ gibt es feinsten Synthpop, bei dem die Gitarren eher dezent im Hintergrund bleiben.

Phoenix wären natürlich nicht Phoenix, wenn sich zwischen einer Ode an italienisches Milcheis („Fior Di Latte“) und gewitzten Phantasien über einen Sieg beim Musikwettbewerb „Sanremo-Festival“ keine Melancholie einschleichen würde. Trotzdem, der große Wurf bleibt aus. Um es mit Howard Carpendale zu sagen: „Dein schönes Ti Amo war nur Begleitmusik für Sommertage / Mehr kam nicht in Frage.“ Mag sein. Dafür zeigen uns Phoenix einmal mehr, wie schön unprätentiöser Pop sein kann. Mille Grazie dafür.