Chastity Belt „I Used To Spend So Much Time Alone“ / Review / Tour

Am Ende war schon vieles besser früher, Chastity Belts Musik war es nicht. Denn wenn man Leben nicht üben kann, dann wenigstens Akkordfolgen. Im Herbst gehen Chastity Belts damit auf Tour. SPEX präsentiert.

Scheiße, Alter! Hier ist sie: die Bausparvertragsplatte nach der Komm-klar-Platte nach der so-what-Platte. Dabei hatten Chastity Belt aus Walla Walla, Washington doch peterpanmäßig alles daran gesetzt, die College-WG-Nummer durchzuziehen bis kein Bier mehr im Kühlschrank ist – und ihre Band dann aufzulösen, umzubenennen, Shoegaze zu machen. Und jetzt? Haben die Gören, für die Instagram erfunden wurde, den Löffel aus dem Nutellaglas gezogen, durchgeswiffert und tatsächlich die ernste Musik zum Ernst des Lebens geschrieben. Ergebnis: Der feuchte Rülps unter den Post-Riot-Grrrl-Gitarrenbands ist jetzt Beach House.

Hell yeah, da sind sie wieder: die Zweifel, das ziellose Motzen, das PMS.

Das ist besser als es klingt. Denn wenn man Leben schon nicht üben kann, dann wenigstens Akkordfolgen. Die sind selbst in den wenigen verbliebenen Wo-ist-die-Wand-gegen-die-ich-Bikini-Kill-spielen-kann-Momenten derart präzise, dass man befürchten muss, vier Jahre und eine kalte Dusche nach dem antiprogrammatischen Debüt mit dem programmatischen Titel No Regerts stecke tatsächlich ein Plan hinter I Used To Spend So Much Time Alone. Umso beruhigender ist es, diesem beim Scheitern zuzuhören. Denn genauso konsequent wie Chastity Belt nun ihren Trademark-Krach mit Taktstrichen versehen, schaffen sie es immerhin nach wie vor, Montagmorgenvorsätze wie „I wanna feel like nothing’s wrong“ und Freitagnachmittageinsichten à la „I’m already bored“ in einem Song abzuhandeln. Hell yeah, da sind sie wieder: die Zweifel, das ziellose Motzen, das PMS. Das passiert ungefähr zu einem Zeitpunkt, an dem die Band der soliden 30-Minuten-Platten normalerweise zum Absacker angesetzt hätte – also bei Song fünf von 13. Auch das gehört zum Erwachsensein: die Reden werden länger.

Am Ende war schon vieles besser früher, Chastity Belts Musik war es nicht. Es gibt eine Lebensphase, in der Songs über abgepulten Nagellack und pussy, weed, beer ihre Berechtigung haben. Weil sie sich dringlich anfühlen, weil Musikmachen eben genau dort beginnt. Und es gibt ein Leben danach, in dem abgepulter Nagellack und pussy, weed, beer ihre Berechtigung haben – man aber keine Lieder mehr darüber schreiben muss. Dort beginnt I Used To Spend So Much Time Alone.

SPEX präsentiert Chastity Belt
16.09. Köln – King Georg
17.09. Berlin – Lido

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