Noga Erez – Tanz den Alarm

Kurz in den Bunker, dann wieder feiern gehen: Der Konflikt zwischen Israel und Palästina bestimmt das Leben der Musikerin aus Tel Aviv. Ihre Antwort auf die harte Realität? Noch härtere Beats.

„Wenn du den Alarm hörst, hast du zwei Minuten, um Schutz zu finden. Dann hörst du einen Knall. Manchmal ist er sehr weit weg, manchmal ganz nah“, erzählt Noga Erez von der Unausweichlichkeit der Realität, in der sie lebt. Selbst als die israelische Musikerin vor Jahren ihren Fernseher entsorgte und keine Nachrichten mehr konsumierte, drangen die Konflikte in all ihrer Komplexität und politischen Sprengkraft in ihr Leben. Erez kam 1989 auf die Welt, ein Jahr bevor der zweite Golfkrieg begann. Sie wuchs in einer Familie auf, in der viel über Politik diskutiert wird. „Es gab nie diesen einen Moment, in dem ich realisiert habe, dass in meinem Land etwas schief läuft. Ich habe immer gewusst, dass das hier nicht normal ist“, erinnert sie sich. Dabei sei das Leben in Tel Aviv vergleichsweise ruhig, ganz im Gegenteil zu Regionen wie dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland. Einzig in den heißen Phasen kann es sein, dass die Stadt angegriffen wird. Dann verlasse man sich auf den Iron Dome, wie das Raketen-Abwehrsystem kipat barzel auch genannt wird – und feiere weiter.

„Das stärkste, was Musik leisten kann? Die Menschen für einen Moment aus ihrer Verzweiflung befreien.“

Was tun, wenn man in einem Staat lebt, auf dessen Schutz man angewiesen ist, der einem aber zugleich jegliche Mündigkeit abspricht, indem er die wahre Situation verschleiert und seine Bürger bewusst im Unklaren lässt? Noga Erez macht Musik. Wut und Frustration sind darin in jeder Sekunde mit brachialer Intensität spürbar. Dabei ist ihr erstes Album Off The Radar eigentlich Resultat eines Diskurses zwischen zwei Personen. Erez’ Partner Ori Rousso ist zu gleichen Teilen in Songwriting und Produktion eingebunden. Vor allem aber befeuern sich die beiden in Diskussionen. Meistens komme man zwar überein, „aber wenn wir uns widersprechen, wird es spannend und das spiegelt sich in unseren Songs“. Darin treffen präzise durchdachte Beatkonstruktionen auf die Stimme, aus deren kühler Distanz der pure Trotz spricht. Erez mag ihren Eskapismus mit einer guten Prise Widerstand. „Ich glaube, es liegt in meiner Natur, angepisst zu sein.“

Und es gibt viele Dinge, die Erez anpissen. Sie singt über Vergewaltigung genauso wie über die Angst vor Anonymität und das Vergessenwerden im Zeitalter digitaler Selbstdarstellung. Für Noga Erez sind Songs allerdings nicht per se politisches Statement, sondern eine ganz private und emotionale Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist ihre Musik hochexplosiv. Ob das ausreicht? „Es gibt so viel, was man tun kann und gleichzeitig nichts, was wirklich etwas verändern würde“, konstatiert sie. Erez’ Ziel ist es dennoch, eines Tages in einen musikalischen Dialog mit den Leuten auf der anderen Seite der Grenzen zu treten. „Das stärkste, was Musik leisten kann? Die Menschen für einen Moment aus ihrer Verzweiflung befreien.“

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX No. 374 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

1 KOMMENTAR

  1. Der Artikel spiegelt die Lebenswirklichkeit in Tel Aviv in keinster Weise. Wie kommen SIe darauf, dass der Staat die wahre Situation verschleiert? Und von der Mündigkeit der Bürger*innen von Tel Aviv können sich viele Menschen auf der Welt etwas abschneiden. Israel ist eine westliche Demokratie mit allen Stärken und Schwächen und ist mitnichten in einer ständig wahrgenommenen Kriegssituation wie es der Artikel suggeriert. Die Beschreibung der derzeitigen geopolitischen Situation ist nicht so einfach und in diesem Falle deplaziert und spiegelt nicht die gegenwärtige Realität im Jahre 2017 wieder. Es ist eine Konstruktion der Verfasserin .

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