Blondie „Pollinator“ / Review

Pollinator hätte ein großes Durcheinander werden können, fügt sich aber zur lebendigsten Inkarnation Blondies seit langer Zeit.

Damit war nicht unbedingt zu rechnen: Dass Blondie sich nochmal von ihren beschämend uninspirierten letzten Alben Panic Of Girls und Ghosts Of Download erholen könnten. Zur Erinnerung: Selbst Band und Plattenfirmen trauten dem Material so wenig zu, dass ersteres einem Musikmagazin als Goodie beigelegt wurde und zweiteres nur im Doppelpack mit einer Quasi-Best-of erhältlich war, das überflüssigerweise neu eingespielte Versionen alter Hits enthielt. Die Erwartungen an Pollinator daher: egal bis minus.

Umso überraschender kommt jetzt dieser umwerfende Einstieg mit „Doom Or Destiny“: Der euphorisierende Drive, das goldene Leuchten von „Maria“ oder „Dreaming“ sind wieder da, und das nach Jahren lustlos zelebrierter Einfallslosigkeit. Wie kann das sein, was ist passiert? Das Arbeitsprinzip dieses complete makeovers lautet: Recycling und Befruchtung. Die Biene auf dem Cover (gestaltet von Shepard „Hope“ Fairey) und der Titel Pollinator haben also durchaus eine Bedeutung: Von Blondie beeinflusste Künstlerinnen wie Sia, Dev Hynes, Johnny Marr, Dave Sitek oder Charli XCX wurden zum Co-Komponieren eingeladen, auf dass sie ihrerseits Blondie „zurückbefruchten“ sollten. Recycling hingegen läuft so, dass einige neue Songs auf Versatzstücken klassischer Blondie-Tracks basieren. „Long Time“ aus der Kooperation mit Dev Hynes zum Beispiel fährt auf dem Basslauf von „Heart of Glass“ und funkelt auch genauso schön, Dave Sitek unterfüttert die Single „Fun“ mit Flickwerk aus „Rapture“.

Hauptverdienst des Produzenten: Blondies gefürchteter Schunkel-Raggae fehlt.

Klingt nach billiger Masche, hört sich aber gut an, was auch an der Produktion von John Congleton liegt, der etwa Blondies gefürchteten Schunkel-Reggae von der Platte schmiss. Neben Harrys neu erstarkter cool-strenger Stimme liegt der Fokus auf dem Drumming Clem Burkes, der hoffentlich jetzt seine längst fällige Würdigung als Spitzenschlagzeuger bekommt. All die Bemühungen werfen eine Handvoll echter Hits ab, und selbst schwächere Songs wie „Already Naked“ oder „When I Gave Up On You“ sind immer noch viel besser als die erträglichen Tracks der Vorgängerplatten. Das bienenstockartige Gewusel auf Pollinator (auch Joan Jett und Laurie Anderson sollen irgendwo mitmachen) hätte ein großes Durcheinander werden können, fügt sich aber zur lebendigsten Inkarnation Blondies seit langer Zeit.

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