Liberation Day: Laibach entzaubern Nordkorea – oder umgekehrt?

Ballast der Demokratischen Volksrepublik: Laibach in Pjöngjang
Ballast der Demokratischen Volksrepublik: Laibach in Pjöngjang

Liberation Day dokumentiert ein Konzert von Laibach in Nordkorea zum 70. Tag der Befreiung des Landes: ein doppeltes Spiel mit Inszenierung und Manipulation. Beim DOK.fest in München wurde der Film erstmals in Deutschland gezeigt.

Als 2015 klar wurde, dass ausgerechnet Laibach als erste ausländische Band aus Anlass des 70. Jahrestags der Befreiung von japanischer Herrschaft in Nordkorea spielen sollten, sorgte das für weltweite Aufmerksamkeit. Der englische Comedian John Oliver stieß in seiner Late-Night-Show aufgrund der totalitaristisch-faschistischen Ästhetik der Band ein „Of course Kim Jong-Un loves this band!“ aus, während Slavoj Žižek in dem Zusammentreffen „the most fascinating cultural and ideological political event so far in the 21st century“ sah.

Auf dem am Sonntag zu Ende gegangenen DOK.fest München feierte nun Liberation Day seine Deutschlandpremiere: Das „documentary musical“ von Morten Traavik und Uģis Olte erzählt die Geschichte von Laibachs Auftritt in Pjöngjang. Im Rahmen einer Liberation Tour reist der Film gerade von Filmfestival zu Filmfestival.

Liberation Day dokumentiert nicht nur ein einzigartiges Zusammentreffen von Kunst und Weltpolitik, der Film stellt auch ein amüsantes bis erschreckendes Kammerspiel dar, das auf mehreren Ebenen interessant ist. Zum einen reiht er sich ein in die lange Reihe von Nordkorea-Dokumentationen, die, nachdem lange versucht wurde, mehr und mehr vom „echten“ Leben in diesem Land einzufangen, inzwischen auch die Perspektive der Interaktion mit Besuchern einnehmen. 2015 zeigte beispielsweise Vitali Manskis Under The Sun die vollkommene Inszenierung nordkoreanischen Lebens gegenüber der ausländischen Filmcrew, indem diese die Kamera einfach weiterlaufen ließ und so auch einfing, wie die Gefilmten ihre Instruktionen erhielten. Manski offenbarte damit weit mehr über die nordkoreanische Gesellschaft, als diese preiszugeben bereit war.

Auch in Liberation Day gibt es seltene Einblicke in das nordkoreanische Leben: Man sieht Chorsängerinnen bei der Probe, Ausblicke aus dem Reisebus. Doch Regisseur Traavik, bisher unter anderem verantwortlich für das viral gegangene „Take On Me“-Cover einer nordkoreanischen Ziehharmonika-Band, geht noch einen Schritt weiter. Er sieht sich selbst im Film in einer Vermittlerrolle zwischen den nordkoreanischen Offiziellen und der Band und konfrontiert Erstere schonungslos mit den Wünschen und Ansprüchen der Letzteren. Schließlich geht es darum, ein Konzert mit Synthesizern, Visuals und allem möglichen Schnickschnack zu realisieren, es braucht also Technik. Lange Befehlsketten und Besuche von der Zensurbehörde sind frustrierend für alle Beteiligten.

Was ist Inszenierung, was ist Manipulation? Wer verstellt sich, und wer führt hier wen vor?

Traavik gelingt es, seine nordkoreanischen Diskussionspartner argumentativ vorzuführen und sich damit durchzusetzen, sei es bei der Frage, ob die Band in ihren eigentümlichen Outfits vor der nordkoreanischen Flagge posieren darf, sei es bei jener, ob sie beim Konzert koreanisch singen darf. Die manipulative Weise, in der Traavik argumentiert, lässt einen als Zuschauer diese Szenerien beklommen beobachten: Man fragt sich unweigerlich, ob Traaviks Verhalten nicht Grenzen übertritt und Menschen in Gefahr bringen könnte.

Auf einer zweiten Ebene offenbart der Film auch etwas über Laibach selbst. Die Gruppe, die ironiefrei Anonymität und Einheitlichkeit im Kollektiv propagiert, fällt in diesem kollektivistischen „utopia that is functioning“, wie Bandmitglied Ivan Novak es nennt, ein Stück weit aus der Rolle. Das wird vor allem deutlich in der sehr individualistischen Arbeitsweise Traaviks, die auch Widerspruch und Diskussion beinhaltet. Aber auch im Verhalten Novaks, der sich entgegen aller Abmachungen entschließt, einen Spaziergang durch die Stadt zu unternehmen.

So wird der Film zu einem anziehenden Verwirrspiel: Was ist Inszenierung, was ist Manipulation? Wer verstellt sich, und wer führt hier wen vor? Einzig die Gesichtsausdrücke der Konzertzuschauer im Kunsttheatersaal in Pjöngjang scheinen frei und unverstellt: Sie rangieren zwischen angeekelt, gelangweilt und verdutzt. Doch am Ende wieder Inszenierung: Der Saal erhebt sich zu Standing Ovations für die Künstler, Laibach werden mit Kim-Jong-Il-Anstecknadeln geehrt. Das Musical ist vorbei, die Sensation perfekt.

 
Liberation Day
Lettland, Norwegen 2016
Regie: Morten Traavik & Uģis Olte

Ein Auftritt von Laibach im Haus der Kulturen der Welt in Berlin Anfang 2016 ist hier in Bildern dokumentiert. Das Album Spectre kann nach wie vor hier im Stream gehört werden.