Perfume Genius „No Shape“ / Review

Auf No Shape wir die Liebe oft als Aufstand inszeniert.

Mike Hadreas Songs leben von persönlichen Geschichten, die so transparent und zerbrechlich sind wie feinstes Glas. Sein Projekt Perfume Genius steht für maximale Verwundbarkeit. Seit 2005 zwängt der Musiker aus Seattle sein Herzweh in mondäne Poparrangements. Seit seinem letzten Album Too Bright setzt er Innerlichkeit aber nicht mehr nur mit Schlafzimmerpop und Pianoballaden um. No Shape maximiert den Härtegrad seiner Seelenfenster, die nun auch Dronegewitter und Effektregen überstehen.

Schon die erste Single „Slip Away“ pompt mit mächtigen Tribal Drums: „They’ll never break the shape we take“, skandiert Hadreas dazu. Seine Biografie verrät, dass hier der heteronormativen Gesellschaft der Kampf angesagt wird: „Baby, let all them voices slip away“. Hadreas hat sich nie kleinkriegen lassen. Nicht von den Kommentaren, die er in der Highschool ertragen musste. Ebenso wenig von den Steinen, die man seiner Karriere in den Weg legte: 2012 ließ YouTube auf Wunsch eines Nutzers ein Video sperren, in dem Hadreas sich vom Pornostar Arpad Miklos tragen und schminken ließ. Die aBegründung: „site content must be family safe“. Die Hölle, das sind die Anderen. Mittlerweile weiß Hadreas: Der Himmel kann die Zweisamkeit sein.

Die Hölle, das sind die Anderen.

Nicht nur deswegen wird die Liebe auf No Shape oft als Aufstand inszeniert. Ein Herz aus Panzerglas hat Hadreas aber nicht bekommen: Im Kammerpop von „Choir“ ist vom Aufbegehren keine Spur mehr, und auch im fragil wehrlosen „Every Night“ hat er kein Gitarrenpflaster für seine Wunden gefunden. Sein filigranes Falsett erinnert dabei an Anohni, im graziösen „Wealth“ hingegen jodelt er über ein Krautrockgerüst. No Shape ist stimmlich und stilistisch enorm facettenreich – nur das Songwriting bleibt in jeder Sekunde glasklar.

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