Grammatikalisch unkorrekt: Acht Brücken Festival mit Einstürzende Neubauten in der Rückblende

Einstürzende Neubauten / Foto: Acht Brücken / Jörg Hejkal

Musik und Sprache standen im Fokus des diesjährigen Acht Brücken Festivals. Unter dem Slogan „Ton. Satz. Laut.“ kamen nicht nur Lautpoesie, Rap und dadaistische Unsinnsversuche auf die Bühne. Am Ende wurde die Semantik einfach ganz abgeschafft.

Das war längst überfällig: Die Einstürzenden Neubauten präsentierten sich endlich an einem Ort, wo sie im Grunde am besten aufgehoben sind. Nämlich nicht in zu Rock-’n‘-Roll-Bühnen umfunktionierten Industriehallen oder in großflächigen heruntergekommenen Indie-Clubs, sondern im eleganten philharmonischen Halbrund angesagter Konzertpodien.

Nach dem Hamburger Elphi-Gastspiel Anfang des Jahres traten sie jetzt in der Kölner Philharmonie auf – sozusagen als Headliner des diesjährigen Acht-Brücken-Festivals, das sich unter dem Motto „Ton. Satz. Laut.“ den vielfältigen künstlerischen Normen von Musik und Sprache widmete. Mehr denn je offenbarte sich hier Blixa Bargelds schauspielerisch-eloquenter Hang zu formvollendeten Lyrismen, Sprachexperimenten und abstrakter Poesie, die er und sein im Kern beibehaltenes Ensemble ohne allzu viel Budenzauber in eine ausufernde Revue packten.

„Greatest Hits“ entpuppte sich als Streifzug durch rund 35 Jahre Bandgeschichte mit Wiedererkennungswert von manch Bekanntem, dessen Schwerpunkt von Melancholia bis zu im wahrsten Sinne Sexy-Zuständen in aller Stille reichte. Die Show passte überdies ganz gut ins Umfeld des auf neue zeitgenössische Konzertmusik gerichteten Festival-Reigens. Bedenkt man doch, dass die Neubauten quasi seit Beginn die deutsche Underground-Kultur zu etwas Höherem, voll und ganz Künstlichem empor stilisiert haben. Das erklärt auch den ein oder anderen Fingerzeig auf Unsinnsversuche innerhalb der fest kanonisierten Musik-Tradition des frühen 20. Jahrhunderts, am schönsten vielleicht verdeutlicht durch das Hugo-Ball-Kostüm, in das N. U. Unruh für einige Sekunden schlüpfte und Blixa Bargeld mit seiner unnachahmlichen Krächzstimme dazu rief: „Aaah! Signore Marinetti! Back From Abyssinia?“

Der futuristisch angehauchte Dadaismus als lautpoetische Kunstform – das lässt überleiten zu einem weiteren vom Publikum begeistert aufgenommenen Highlight von Acht Brücken: der äußerst amüsanten Performance des Trios Sprechbohrer (Sigrid und Georg, Sachse, Harald Muenz). Sie sezierten das weite Feld der Lautpoesie in allen Schattierungen. Das heißt die Auflösung von Sprache in mehrere Kunstideen wie die Abschaffung semantischer Etiketten, Verzerrung grammatikalischer Regeln oder freie, spielerische Verballhornung bekannter Lyrik anhand prägnanter Beispiele von Kurt Schwitters, Richard Huelsenbeck, Hans Arp, Helmut Heißenbüttel, Oskar Pastior, Hans G. Helms, Tom Johnson, Gerhard Rühm und einigen anderen In eine adaptierte, unterhaltsame, neue Ausrichtung.

Einstürzende Neubauten / Foto: Acht Brücken / Jörg Hejkal

Das Spiel mit Sprache, gepaart mit szenischen und musikalischen Aktionen, also das Zusammenspiel von Bewegung, Sprache, Klang und Raum, bestimmte unablässig das Musiktheater der letzten 50 Jahre und bildete natürlich eine bestimmende Projektionsfläche bei Acht Brücken. Die Bandbreite war enorm und reichte von illustren Namen wie Helmut Lachenmann, der höchstselbst als Sprecher mit dem Ensemble Modern seine „…zwei Gefühle…“, Musik mit Leonardo interpretierte, Peter Eötvös mit einem groß besetzten „Stotter-Oratorium“, der sämtliche mit der Musikgattung „Oratorium“ verbundenen Eigenschaften gewitzt und erfindungsreich über Bord warf, bis hin zu einer effizienten Auswahl neuer Solo-, Ensemble- und Orchesterstücke von teils arrivierten, teils Newcomer-Komponisten. Beziehungsgeflechte zwischen Avantgarde-Klängen und außereuropäischer „Weltmusik“ („Trommelsprachen“) sowie Begegnungen von Rappern, Spoken-Word-Poeten, Hip-Hop-Queens mit herkömmlichem klassischen Instrumentarium oder Streichquartett waren ebenfalls vertreten, bedienten aber nur gängige Klischees, anstatt mal Umstürzlerisches wie zu Dada-Zeiten also die bereits erwähnten Unsinnsversuche zu wagen.

Dreh- und Angelpunkt des zehntägigen Treibens zwischen den acht Rheinbrücken Kölns war aber das umfangreiche Porträt der koreanischen Komponistin Unsuk Chin. Die insgesamt 13 Werke, die zur Aufführung gelangten, darunter einiges erstmalig, zeugten vom hohen Stellenwert ihrer Kunst. Chin ist eine genuine Persönlichkeit, die die Formelhaftigkeit der Moderne, vor allem im Bereich des Orchesterklangs, um unendliche Paletten auf originelle Art bereichert hat. Dabei spielen sprachliche Aspekte, die hier auf exaltierte Vokal-Artistik von Sänger und Sängerinnen beschränkt waren, nur eine untergeordnete Rolle. Was zählt, ist eine universale Musiksprache, die nach allen Seiten offen ist. Ist sie erweiterbar? Ja, man kann sie metamorphisieren. Eine gute Gelegenheit, dies zu testen, bietet sich vielleicht nächstes Jahr bei Acht Brücken. Dann geht es um „Metamorphosen – Variationen“ – und um Bernd Alois Zimmermann, einen der tonangebendsten Schöpfer deutscher Provenienz im 20. Jahrhundert überhaupt.