Denk ich an Deutschland in der Nacht – Filmfeature zum Kinostart

Move D bei einem Set im Club Apfelbaum - Filmstill aus Denk ich an Deutschland in der Nacht
Move D bei einem Set im Club Apfelbaum - Filmstill aus Denk ich an Deutschland in der Nacht

Romuald Karmakar macht Techno zum Angucken. In seinem jüngsten Film schaut er wieder Ricardo Villalobos über die Schulter. Und Roman Flügel. Und Ata Macias. Und Sonja Moonear. Und Move D erklärt das Universum.

An einem audiovisuellen Archiv der Technokultur arbeitet Romuald Karmakar schon seit geraumer Zeit: Was 2002 mit DJ Hells fulminantem WMF-Auftritt in 196 BPM begann, wurde fortgesetzt mit Between The Devil And The Wide Blue Sea (2005) und dem Porträt Villalobos (2009), bei dem Karmakar sogar in den heiligen Räumen der Panorama-Bar filmen durfte. Ästhetisch immer schon Purist, löst Karmakar in diesen Filmen die Energetik von House und Techno eben nicht in hektischen Schnittfrequenzen auf, sondern setzt auf die Tugend der langen Einstellung, um der ausufernden Zeitlichkeit eines DJ-Sets gerecht zu werden.

Die Flüchtigkeit von Techno wird dabei ihrer reinen Unmittelbarkeit entrissen und einer konzentrierten kinematografischen Rezeption zugänglich gemacht: Ist das Kino mit seinen still gestellten Körpern eigentlich als Dispositiv das genaue Gegenteil der Clubanordnung, so entwickeln Karmakars Filme ihren Eigensinn gerade aus diesem produktiven Widerspruch. Das einzige, was man den Filmen vielleicht vorwerfen könnte, ist ihre zwanghafte Fixierung auf den DJ als große Künstlerpersönlichkeit, die zuweilen schon bildungsbürgerlich daherkommt, etwa wenn am Ende von Villalobos der Meister noch ein Vivaldi-Sample in den Mix fließen lässt.

Das strenge formale Korsett ist in Denk ich an Deutschland in der Nacht aufgelockert worden, und das tut dem Film sehr gut: Er atmet mehr frische Luft, wie Move D es im Heidelberger Wald mit bekiffter Tiefenentspanntheit vorführt. Karmakar hat die Multiperspektive entdeckt, ohne dem Long Take untreu zu werden: Bei den Partys kommt nun auch die Crowd mehr in den Blick mit all den schönen kleinen Gesten einer Clubnacht, dem Zigaretten- und Drinks-Teilen, während in ausführlichen Studiointerviews Ata, Roman Flügel, Sonja Moonear, Villalobos und eben David Moufang auf sehr sympathische Art auch mal extrem verpeilt sein dürfen.

 
Denk ich an Deutschland in der Nacht
Deutschland 2017
Regie: Romuald Karmakar
Mit Roman Flügel, Ata Macias, Sonja Moonear, David Moufang, Ricardo Villalobos u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 374 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here