The Afghan Whigs „In Spades“ / Review

In Spades, das achte Album der Alternative-Rocker The Afghan Whigs, spiegelt mit allerhand Mystik die Ambivalenzen des Lebens und ihre individuelle Wahrnehmung – und schafft es, die Band auch nach über 30 Jahren noch frisch klingen zu lassen.

In Spades heißt soviel wie in höchstem Maße oder von höchster Qualität. Aber auch Maßlosigkeit. Und auch die Referenz zum Pik eines Kartendecks macht sich auf dem mittlerweile achten Album der amerikanischen Alternative-Rock-Dinosaurier The Afghan Whigs nicht nur im Etymologischen breit: Mit allerhand Mystik spiegelt In Spades die Ambivalenzen des Lebens und ihre individuelle Wahrnehmung.

Schon klar, das Leben ist ein Füllhorn an Erfahrungen, die den Menschen zu dem machen, was er ist. Diesen Allgemeinplatz nehmen Greg Dulli und Kollegen auf In Spades genauer unter die Lupe: Wie verhalten sich Erinnerungen und tatsächliche Erlebnisse eigentlich zueinander? Und welcher Teil davon hat bei der Persönlichkeitsentwicklung die Zügel in der Hand? Inmitten dieser Versuchsanordnung öffnet sich auf In Spades ein Zwischenraum des Nicht-Kausalen, Übernatürlichen und Unbewussten, der dazu einlädt, die dunkleren Ecken des eigenen (Un-)Bewussten zu betreten.

Selten hat sich Greg Dulli so versiert über die eigenen Grenzen hinwegbewegt.

Auf In Spades klingt das erst einmal vertraut und doch völlig fremd: Einerseits klotzt einem der zwischen den sonnenabgewandten Spielarten von Grunge, Soul und Musikstudium changierende signature sound der Band entgegen. Andererseits klingen The Afghan Whigs nach über 30 Jahren Bandgeschichte erstaunlicherweise noch frisch, ohne großartig an den Vorzeichen zu schrauben. In Spades ist experimentierfreudig, vielschichtig, nach vorn gewandt und stellenweise sogar überraschend. Arrangements, die auf musealen Whigs-Themen herumreiten, biegen plötzlich in neue Richtungen ab – in „Toy Automatic“ etwa, in dem Drums, Synths, Streicher und Saxofon Dullis Gesang in irgendeine Kartei zwischen Future Islands und Spacemen 3 katapultieren. Oder, um beim Ausgangsthema zu bleiben, „Oriole“, das mit verträumten Gitarrenakkorden, glockigen Mellotron-Klängen und sanftem, aber bedrohlichem Gesang in die Welt des Okkulten einführt: „Light the candle / Lock the door, too / Draw the circle / I’ll fall into you“.

Solche Meditationen übernatürlicher Art ziehen sich durch In Spades. Unheimliche Klangbilder, dunkle Symbole – lyrisch wie musikalisch – machen das Album zu einer Reise durch die Räume seiner Zwischentöne: Zwischen Okkultem und der Ratio, zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Erinnerung und Wahrheit. Selten hat sich Dulli so versiert über die eigenen Grenzen hinwegbewegt. In Spades schreit danach, es ihm gleichzutun: Weil einem im Leben am Ende nichts bleibt, außer eine Karte nach der anderen aufzudecken.