Chino Amobi „Paradiso“ / Review

Polizei, Sirenen, Schreie, irre Radio-Samples, Fernsehgeräusche: Die Welt ist defekt auf Paradiso.

Mit dem Gedicht Law I (The City In The Sea) – in Anlehnung an Edgar Allan Poe – führt Chino Amobi in sein Paradiso ein. Elysia Crampton trägt unter tosendem Rauschen ihre umgearbeitete Version vor: „O! Death has reared himself a throne / In a strange city, Paradiso / Far down within the dim West / Where the good and the bad and the worst and the best / Have gone to their eternal rest“.

Bereits hier wird Amobis dystopischer Raum beschworen, der sich in Textfetzen, Gedichten, Gesang und einer störgeräuschartigen Soundcollage im Verlauf des Albums immer dichter webt. Filmisch wirkt das, wie ein Science-Fiction-Streifen, in dem längst eine Militärregierung die Macht übernommen hat. Doch Amobis Dystopie ist nur eine vermeintliche. Gemeint ist Amerika, wo Dystopie und Realität unter den wirren Dekreten des US-Präsidenten verschwimmen, der schnellen Schrittes versucht, die amerikanische Demokratie zu zersetzen.

Bei Amobi führt der Weg nicht ins Paradies, sondern ins Inferno.

Paradiso erscheint in Zusammenarbeit des New Yorker Labels Uno und dem von Amobi gegründeten Kollektiv Non Worldwide und vereint die Einflüsse beider Welten. Zu Wort kommen Künstlerinnen wie Elysia Crampton, Rabit, Embaci, Haleek Maul, Aurel Haize Odogbo oder Benja SL. Amobi, bekannt für seine kritischen Referenzen, baut sein Album dabei wie ein Drama auf. Zwar verweist er auf den glücklichen Ausgang in Dantes

Paradiso. Dabei geht es aber – wie bereits auf seiner EP Airport Music For Black Folk, die mit Brian Enos Music for Airports spielt – keineswegs um ein westliches Hochkultur-Wohlfühlprogramm, sondern um die Leerstellen schwarzer Erfahrungshorizonte.

Im Vergleich mit besagter EP, auf der Amobi Geräusche aus dem Alltag zu einer Kakophonie verdichtete, fällt Paradiso dann auch noch dichter und desaströser aus. Polizei, Sirenen, Schreie, irre Radio-Samples, Fernsehgeräusche: Die Welt ist defekt. Paradiso entwirft eine Art Anti-Mythologie: Hier führt der Weg nicht ins Paradies, sondern ins Inferno. Und das ist längst da.