Mathieu Riboulet: Und dazwischen nichts / Review

Eine Zeitreise von den politischen Aufbrüchen der Sechziger- und Siebzigerjahre zu den desillusionierenden Achtzigern: Bei Matthes & Seitz ist Mathieu Riboulets Roman Und dazwischen nichts erschienen, übersetzt von Karin Uttendörfer.

Mathieu Riboulet lässt in seinem furiosem Roman Und dazwischen nichts, der sich dem Aufbruch und den Niederlagen der Linken nach 1968 widmet, seinen Protagonisten sagen, dass er keine Geschichtsschreibung, auch keine Geschichten mache – er fühle sich vielmehr der Zwischenzeit verpflichtet. Zu präzisieren, wo er heute steht, ist sein Hauptanspruch. Die neuen Räume der Freiheit schildert der 1960 geborene Autor als eine schwule éducation sentimentale und beschreibt kenntnisreich die Veränderungen zwischen dem italienischen Frühling der operaistisch-militanten autonomia-Bewegung Italiens, dem bewaffneten Kampf der RAF und dem Deutschen Herbst und der Fabrikarbeit der französischen gauche prolétarienne.

„Schwulsein deklassiert dich in Nullkommanichts“

In der Position des second-order-Zeitzeugen beschreibt Riboulet die schleichenden Verschiebungen von klassenkämpferischen hin zu identitäts- und mikropolitischen Artikulationen. Als 14-jähriger ist er noch nicht so weit, einem Renault-Arbeiter, den er begehrt, einen zu blasen, aber er ist sich sicher, dass sexuelles und politisches Bewusstsein ein und dasselbe sind, denn auch „Schwulsein deklassiert dich in Nullkommanichts“. Während die älteren Geschwister des Ich-Erzählers an die Politik als Revolution glauben, ist es für ihn Politik, „Lust zu empfinden und Männern Lust zu bereiten“. Der Titel Und dazwischen nichts verweist auf die ambivalente Position des Autors zwischen den politischen Aufbrüchen der Sechziger- und Siebzigerjahre und den desillusionierenden Achtzigern mit dem Beginn der Ausbreitung von AIDS, das auch das Leben des Ich-Erzählers ins Trudeln bringt. Diese Zeitreise erinnert an einen anderen hierzulande begeistert aufgenommenen französischen Autor: Vielleicht ist Riboulet mit dieser Autofiktion eine linksradikale Version von Didier Eribons Rückkehr nach Reims gelungen.