Regisseur Jonathan Demme ist tot

Der US-Filmemacher Jonathan Demme ist tot. Er erlag im Alter von 73 Jahren einem bereits 2010 diagnostizierten Krebsleiden. Lesen Sie aus gegebenem Anlass unser Feature zu seinem stilprägenden Konzertfilm Stop Making Sense, in dem er 1984 die Talking Heads porträtierte.

Wenige konnten Schauspieler so entfesseln wie Jonathan Demme. In Philadelphia etwa, dem bis dato ersten Hollywoodfilm zum Thema Aids, beeindruckte ein gerade erst einem breiteren Publikum bekannt gewordener Tom Hanks unter Demmes Ägide als heimlich homosexueller, HIV-positiver Erfolgsmensch, der von der Krankheit langsam aber sicher aus seinem alten Leben gewürfelt wird. Hanks erhielt für Philadelphia seinen ersten von zwei Oscars, Demme noch mehr Ruhm.

Seinen eigenen Oscar hatte der gebürtige New Yorker zwei Jahre zuvor für den Psychothriller Das Schweigen der Lämmer bekommen. Auch darin trieb er Anthony Hopkins als psychopathischen Serienmörder Hannibal Lecter und Jodie Foster als FBI-Anwärterin Clarice Starling in neue Sphären. Der Film ist bis heute der letzte geblieben, der in allen fünf wichtigsten Kategorien einen Oscar gewann.

Zuvor hatte sich Demme jedoch in der notorisch elitistischen New Yorker Filmszene der frühen Achtziger schon einen Namen gemacht. Zum einen mit der Krimikomödie Gefährliche Freundin, zum anderen aber mit dem stilprägendsten Konzertfilm Stop Making Sense, der 1984 ein Konzert der Talking Heads dokumentierte und nebenbei mit allen gängigen Klischees des Genres aufräumte.

Wie US-Medien berichten starb Johnathan Demme im Alter von 73 Jahren an einer bereits 2010 diagnostizierten Krebserkrankung und einem gleichzeitigen Herzleiden.

Bilder, die die Welt bewegten – Stop Making Sense

Frenetischer Jubel. Der Schatten einer Gitarre blitzt auf. Dann sind Anzugbeine zu sehen und weiße Stoffsneaker, in Nahaufnahme, während der Anzug-plus-Sneaker-Träger in Richtung einer Bühne schlendert. Hi, ich will ein Tape spielen. Der Mann stellt auf einer Bodenmarkierung neben seinem Mikrofonständer einen Ghettoblaster ab und drückt auf Play. Ein 808-Beat setzt ein, die Füße des Mannes wippen im Takt mit, während die Kamera langsam nach oben schwenkt, auf den grauen Anzug, den er trägt, auf die Gitarre, auf der die Akkorde des Talking-Heads-Songs Psycho Killer erklingen, dann auf seinen Kopf, der eidechsenhaft im Rhythmus zuckt. Er beginnt zu singen. Erst jetzt zeigt die Totale die riesige, fast vollständig leere Bühne und die Ahnung eines Publikums. Psycho Killer, qu’est-ce que c’est? David Byrne ist in seinem Element.

Strenge, Minimalismus und die expressionistische Hochenergie von David Byrne und seiner New Yorker Post-Punk-Art-Funk-Band Talking Heads sind die Grundlagen von Jonathan Demmes Konzertfilm Stop Making Sense aus dem Jahr 1984. Während sich über die Vereinigten Staaten die bleierne Schwere und der Provinzialismus der Ronald-Reagan-Ära senken, verkörpert David Byrne, korrekt gescheitelt im korrekten Anzug, der im Laufe der Show zunehmend größer und unförmiger wird, mit bizarren, gummihaften, aber durchweg choreografierten Dancemoves, pantomimischen Gesichtsverzerrungen und Brandstifterpoesie den surrealen Ausnahmezustand. (Und Regisseur Jonathan Demme bebildert einige Jahre später mit seinem bekanntesten Film Das Schweigen der Lämmer den psychologischen Amokzustand in US-Kellern.)

Byrnes psychopathisch-nerdige Grundenergie verschmilzt mit dem Sublimen, die Identifikation mit dem Bösen wird zur Waffe der Kritik.

Das von Byrne in 90 Minuten Extremperformance dargestellte Figurenarsenal ist eine zum Alptraum entzerrte Transposition der US-amerikanischen Restauration, deren realpolitische Form von der Iran-Contra-Affäre bis nach Guantanamo Bay reicht. Dazu zählt der einleitende Psycho Killer, die musikalische Vorwegnahme des mordenden Wallstreet-Yuppies aus Bret Easton Ellis’ American Psycho (1991), oder der ordinary guy, der in Burning Down The House« niemandem etwas Böses will, wenn er als passionierter Brandstifter Feuer mit Feuer bekämpft, oder der Selfmademan mit Buchhalterbrille, für den sich in Once In A Lifetime im Entgleiten des amerikanischen Traums (Geld, Auto, schöne Frau) der Abgrund der shotgun shack in another part of the world auftut – lauter Negative der zeitgleich von Hollywood heroisierten Unternehmerabenteurer, die in Filmen wie Ghostbusters beseelt vom amerikanischen Traum Staat und Behörden in die Schranken weisen, um: Gespenster zu jagen. Byrnes (nur halb ironischer) Gegenentwurf: ins Blaue leben. Seine psychopathisch-nerdige Grundenergie verschmilzt mit dem Sublimen; niemals politisierend oder gar milieu-romantisierend wie Zeitgenosse Bruce Springsteen. Die artifizielle Überhöhung und Verdrehung, die Identifikation mit dem Bösen wird zur Waffe der Kritik.

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