Der traumhafte Weg – Filmfeature zum Kinostart

Härte und Zerbrechlichkeit: Miriam Jakob und Thorbjörn Björnsson in Der traumhafte Weg
Härte und Zerbrechlichkeit: Miriam Jakob und Thorbjörn Björnsson in Der traumhafte Weg

Ein einziger Anruf kann alles verändern. Aus einem solchen Schockmoment heraus erzählt Regisseurin Angela Schanelec von einem Paar, das auseinander geht. Und sich Jahrzehnte später unerwartet wiedersehen könnte.

Wir befinden uns auf einem riesigen Parkplatz in einem griechischen Touristenort. Theres und Kenneth singen und spielen Gitarre, um sich ihren Urlaub zu verdienen. Busse fahren vor. Geld landet in der Mütze des Mannes. Junge Menschen werben für die Europawahl, es ist 1984. Ein Polizeiwagen rollt über den Parkplatz. Kenneth telefoniert an einem Münzfernsprecher, Theres beobachtet ihn dabei. Dann sinkt Kenneth in sich zusammen, ein Polizist fängt ihn auf, die jungen Aktivisten schauen betroffen. Im Gesicht von Theres ist eine Ahnung davon abzulesen, dass dies das Ende ihrer Beziehung sein könnte. Und wir verstehen die scheinbar zusammenhanglosen Bilder: Im Moment des Schocks unterscheidet das Hirn nicht mehr zwischen wichtig und unwichtig.

Tatsächlich gehen Theres und Kenneth auseinander. Dass Theres schwanger ist, verändert die Situation nicht. Sie studiert und bekommt das Kind. Er lebt bei seiner todkranken Mutter, die der Anruf betraf. Die Trauer scheint ihn zu überwältigen, seine Karriere als Musiker entgleitet ihm.

Dann springt der Film aus den Achtzigern in die Gegenwart, nach Berlin. Die beiden haben keinen Kontakt mehr. Theres ist Lehrerin, Kenneth kommt als obdachloser Musiker in die Stadt. Neben der konkreten Frage, ob die beiden sich wieder begegnen werden, bringt Angela Schanelecs klare Bildsprache voller Auslassungen ein tiefes Gefühl von Einsamkeit zum Ausdruck. Die Regisseurin hat ein besonderes Gespür für spröde Persönlichkeiten, in denen eine bestimmte Härte auf große Zerbrechlichkeit trifft. Bei diesem Film hat sie fast ausschließlich mit Laienschauspielern gearbeitet: Thorbjörn Björnsson als Kenneth, auch im echten Leben Musiker, ist eine Entdeckung. Eine andere ist SPEX-Autorin Esther Buss: Sie hat einen berührenden Auftritt als Busfahrerin.

 
Der traumhafte Weg
Deutschland 2016
Regie: Angela Schanelec
Mit Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Maren Eggert u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 374 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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