„Manchmal träume ich von Synthesizern“ – Joe Goddard im Feature

Foto: Marc Sethi

Wenn Joe Goddard nicht gerade mit Hot Chip oder 2 Bears Musik macht, bastelt er vermutlich in seinem Studio in Shoreditch an seinem Modularsystem herum. Am 21. April erscheint sein erstes Solo-Album Electric Lines. Im Interview mit SPEX sprach er über die Londoner Clubszene, sein geheimes Dasein als Pop-Historiker und erklärte, warum aus Fehlern manchmal die beste Musik entsteht. 

Joe Goddard ist busy. Die wenigen Minuten, die ihm zwischen den einzelnen Terminen an einem Promotag in Berlin bleiben, verbringt er damit, auf seinem Smartphone E-Mails zu beantworten. „Es hört einfach nicht auf”, entschuldigt er sich. „Aber ich bin gern beschäftigt.” Neben der äußerst fruchtbaren Kollaboration mit Alexis Taylor bei Hot Chip und Raf Rundell als 2 Bears hat Goddard außerdem das Label Greco Roman als Heimat von Roosevelt und Tirzah auf der bunten Seite elektronischer Tanzmusik mitgegründet.

Mit Electric Lines tritt Goddard jetzt auch als Einzelkünstler auf. „Dafür gab es keine konkrete Inspiration. Ich liebe die Kollaboration mit Alexis und Raf, aber es ist eine ganz andere Herausforderung, künstlerische Entscheidungen alleine zu treffen. Plötzlich steht man da und fragt sich: Ist der Track jetzt gut so oder soll ich nicht doch besser hier oder da…?”, erklärt er. Aber Goddard könne sich auch keinen besseren Zeitvertreib vorstellen, als stundenlang völlig selbstvergessen an Knöpfen zu drehen und Sounds zu manipulieren.

Vor dem geistigen Auge sieht man Goddard nachts aus dem Bett schleichen, durch den mondbeleuchteten Garten auf den Holzschuppen zu, in dessen Innerem es leuchtet und blinkt wie in einem retrofuturistischen Raumschiff. „Mein Studio ist in Shoreditch und das ist auch gut so”, grinst Goddard. „Aber ich träume manchmal von meinen Synthesizern.” Zählt er also bunte Kabel statt Schäfchen, wenn er nicht einschlafen kann? Die titelgebenden Electric Lines, mit denen er seine Module zusammen baut? Das nun nicht, meint er. „Aber kennst du das, wenn du für ein Problem keine Lösung hast und dein Kopf denkt unterbewusst weiter darüber nach? Das passiert mir ständig.”

„Wenn London von reichen Leuten aufgekauft wird, die nicht einmal dort leben, ist das nicht nur furchtbar für die Community. Es ist auch wahnsinnig kurzsichtig. Eines der größten Exportgüter ist die Musik. Man muss die Szene kultivieren.”

Dabei kommen die besten Klänge manchmal durch Fehler zustande. Einmal vor vielen Jahren zum Beispiel war Goddards Computer so überlastet, dass er beim Abspielen seiner Tracks anfing, zu ruckeln und in manchen Spuren zu springen. Goddard war davon so begeistert, dass er versuchte, den Effekt nachzubauen. „Es ist absurd, aber manchmal stoßen Leute auf die interessantesten Klänge, gerade weil sie nicht wissen, wie man einen Synthesizer bedient. Da stehst du sprachlos daneben und fragst dich: Wie hat der das gemacht?”

Für Electric Lines hat Goddard hauptsächlich mit ganzen takes gearbeitet. Nachdem er seine Song-Ideen in ihrer Struktur am Computer angelegt hatte, improvisierte er am Synthesizer. „Deswegen klingt es auch manchmal ganz schön schräg”, erklärt er. Er wollte die Aufnahmen möglichst unbearbeitet in die Stücke einfließen lassen. „Ich habe wirklich versucht, das Seltsame, weirde in der Musik zu lassen. Das war die Ästhetik, die ich für das Album wollte.” Ähnlich wie in seinen DJ-Sets findet sich auf den zehn Tracks die ganze Bandbreite seines musikalischen Repertoires. Balearische Beats, House, Hip Hop, R’n’B – „es ist ein guter Schnappschuss meiner musikalischen Obsessionen.”

Goddard selbst fing als Teenager an, sich für elektronische Musik zu interessieren. Mit 14 Jahren bestand sein musikalischer Katalog noch aus amerikanischem Hip-Hop der Neunzigerjahre und Indie-Rock aus dem Domino-Roaster, wo er nun sein Debüt veröffentlicht. De La Soul, Beastie Boys und A Tribe Called Quest treffen auf Bonnie ‘Prince’ Billy und Pavement. Ein paar Jahre später tastete er sich dann über Drum’n’Bass und Jungle heran, bis er um die Jahrtausendwende über Basement Jaxx und Daft Punk House und Garage entdeckte.

Goddard wuchs zu einer Zeit in London auf, in der die Stadt ein Paradies für Musik-Nerds war. „Du konntest an einem Abend Stereo Lab sehen und am nächsten auf eine Reggae-Party von Soul Jazz gehen. Freitags warst du bei einer Drum’n’Bass-Nacht und bist am Samstag zu einem Gig in der Brixton Academy”, erinnert er sich. Klingt nach einer ziemlich teuren Jugend. Goddard lacht. „Da habe ich noch zu Hause gewohnt, deswegen konnte ich mir das leisten.”

Heute sieht es in London leider anders aus. Die Stadt gehört den Investoren. „In den letzten Jahren hört man immer wieder, dass London kein guter Ort für Clubbing ist.” Die steigenden Immobilienpreise treiben weniger gut gestellte Leute aus der Stadt. Auch die Clubs leiden unter den Veränderungen. Entweder, weil die Nachbarschaft aufgewertet wird und die neuen Anwohner keine nächtliche Ruhestörung wollen, oder weil der örtliche Council über Grundstücksverkäufe mehr Geld reinholen will. Goddard betrachtet diese Entwicklung kritisch: „Wenn die Stadt von reichen Leuten aufgekauft wird, die nicht einmal dort leben, dann ist das nicht nur furchtbar für die Community. Es ist auch wahnsinnig kurzsichtig. Eines der größten Exportgüter des Landes ist die Musik. Man muss die Szene kultivieren, um das am Laufen zu halten.”

Positives Gegenbeispiel? Berlin. Die Stadt respektiere die elektronische Szene auf eine ganz andere Art als London. „Als das Fabric geschlossen wurde, haben sie das Berghain zur kulturellen Institution gemacht.” In Berlin besorgt sich Goddard auch sein technisches Equipment. Schneiders Laden in Kreuzberg hatte Eurorack-Module schon im Angebot, als es sie noch nirgendwo anders gab.

Neben der Bastelei an seinem Modularsystem, das Goddard gerne mit einer Modellbau-Eisenbahn vergleicht, widmet er sich als studierter Historiker seiner anderen Leidenschaft: der Geschichte der Popmusik. „Es ist faszinierend nachzuverfolgen, wer wen inspiriert hat, wie sich all diese verschiedenen Musikstile über die Jahre entwickelt und gegenseitig genährt haben”, meint er. Heute sei es im Vergleich viel schwieriger, den Überblick über die unterschiedlichsten Strömungen zu behalten. „Popmusik ist zersplittert und verstreut. Früher hatten die Jugendlichen nicht unsere Möglichkeiten, um sich die Zeit zu vertreiben. Es gab nicht all die Fernsehprogramme und Spielkonsolen. Du konntest nur diese eine Punk-Band im Pub anhören. Und so haben die Bewegungen diese Sprengkraft entwickelt.”

„Du konntest nur diese eine Punk-Band im Pub anhören. Und so haben Bewegungen diese Sprengkraft entwickelt.”

Es sei außerdem viel schwieriger, als Musiker eine erfolgreiche Karriere zu starten, von seiner Musik wirklich leben zu können. „Gerade in der elektronischen Musik gibt es tausende von Stimmen, die du mit deiner eigenen übertönen musst. Ohne Persönlichkeit und Individualität hast du keine Chance.” Gleichzeitig dringen immer weniger Underground-Künstler in die Charts vor. „Ich bin gestern im Taxi durch Berlin gefahren und jeder Track im Radio hat diesen Reggaeton-Beat. Hätte jemand vor Jahren gesagt, dass die heutige Popmusik Dancehall sein würde, hätte das niemand geglaubt. Wahrscheinlich hat Diplo da seine Finger im Spiel gehabt.”

Aber Goddard hat kein Interesse an der Früher-war-alles-besser-Leier. Ihn begeistern die Bezüge, die Veränderungen in der Musik. „Und auch das wird sich hoffentlich wieder ändern”, sagt er und meint damit den Reggaeton-Beat unter Chartproduktionen. „Wenn du andere Musik hören willst, dann hast du die Möglichkeit, sie zu finden. Nur um die Musiker müssen wir uns kümmern – damit sie weiterhin die Chance haben, die Musik voranzubringen.”