Kendrick Lamar „Damn“ / Review

Ohne den Wahnsinn von To Pimp A Butterfly, aber nicht weniger politisch: Auf seinem sechsten Album Damn verquickt Kendrick Lamar wieder geschickt Persönliches mit den großen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Doch nicht etwa Donald Trump ist Thema. Sondern: Gott.  

Kendrick Lamar erschließt man am besten vom Ende. Das weiß man spätestens seit „Mortal Man“, dem letzten Song auf To Pimp A Butterfly, in dem der MC aus Compton, Los Angeles im Zwiegespräch mit Tupac Shakur das vielschichtige Konzept hinter seinem Jazz-Rap-Meisterwerk erklärt. Auch zwei Jahre später hebt sich Lamar die Pointe bis zum Schluss auf: „Duckworth“ erzählt auf Damn von der ersten und beinahe tödlichen Begegnung zwischen Kendricks Vater Kenny „Ducky“ Duckworth und Anthony Tiffith, dem Gründer des Labels Top Dawg Entertainment, und fragt sich, wie die Dinge wohl aussähen, hätte Kendricks heutiger Labelboss vor 20 Jahren seinen Vater erschossen: „Whoever thought the greatest rapper would be from coincidence? / Because if Anthony killed Ducky / Top Dawg could be serving life / While I grew up without a father and die in a gunfight.“

Es folgt ein Schuss wie eine Nahtoderfahrung in billigen Filmen: 55 Minuten Damn werden im Schnelldurchlauf erneut durchexerziert, das Album beginnt unter neuen Vorzeichen von vorne. Das Zurückspulen zu markanten Momenten in Lamars Leben ist das zentrale Motiv auf Damn. Auch im knapp achtminütigen Herzstück „Fear“ läuft der Refrain rückwärts ab, bevor sich Lamar an die Ängste erinnert, die ihn mit sieben, 17 und 27 Jahren umtrieben, um in der vierten Strophe sämtliche Sorgen aufzuzählen, denen er sich in den 14 Songs des Albums widmet. Wie schon To Pimp A Butterfly ist auch Damn ein maximal selbstbewusstes Statement eines Künstlers, der gleichzeitig von Selbstzweifeln zerfressen ist.

Ein zutiefst religiöses Album – aus der perspektive des suchenden sünders.

Doch Damn ist kein zweites To Pimp A Butterfly – ganz im Gegenteil. Die schwierige Aufgabe, das Album nach dem epochalen Album zu machen, löst Lamar, indem er scheinbar alles anders macht als auf dem Vorgänger. Trotz der Mitarbeit von Kamasi Washington, Thundercat, Terrace Martin und dem kanadischen Jazz-Quartett BadBadNotGood ist Damn keine weitere verkappte Jazz-Platte geworden. Stattdessen orientieren sich die Beats mit Trap-Anleihen stärker an zeitgenössischem Rap. Dem musikalisch wie inhaltlich komplexen Referenz-Wahnsinn von To Pimp A Butterfly setzt Damn eine neue Klarheit entgegen, die sich schon an den in Versalien geschriebenen, meist einsilbigen Wörtern bestehenden Songtiteln zeigen. Im Vorfeld hatte Lamar mit der Aussage überrascht, dass er sich auf Damn aus den politischen und gesellschaftlichen Fragen eher heraushalten wolle, die To Pimp A Butterfly prägten und „Alright“ zur Hymne der Black-Lives-MatterBewegung machten. Nicht etwa Donald Trump sei Thema, so Lamar weiter. Sondern: Gott.

Tatsächlich ist Damn ein zutiefst religiöses Album geworden, dessen Spiritualität aber selten nervt, weil sich Kendrick Lamar nicht als erleuchteter Prediger präsentiert, sondern als suchender Sünder. Als einer, der Versuchungen nicht widerstehen kann und der mit seiner Rolle des (Rap-)Messias hadert. Zwar setzt sich Damn weniger explizit mit Themen wie institutionellem Rassismus und schwarzer Identität auseinander, ist aber keineswegs unpolitisch. Wie schon auf Good Kid M.a.a.d City und To Pimp A Butterfly versteht es Lamar, seine persönliche Geschichte mit den komplexen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen dahinter zu verweben. Wenn er sich beispielsweise in „Fear“ an seine Angst erinnert, mit 17 als ein weiterer toter gangbanger zu enden, oder eben zum Schluss enthüllt, dass sein Boss zwanzig Jahre zuvor beinahe seinen Vater ermordet hätte, zeigt das auf ganz persönliche Art vor allem eines: Dass Afroamerikaner in den USA nach wie vor täglich in Lebensgefahr sind.

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