Kreidler „European Song“ / Review

Die Band rückt von der postdramatischen Gelassenheit vergangener Tage ab, eine latente Panik prägt die Atmosphären der von Afrobeat, Techno oder Funk informierten Stücke.

Auf der Berlinale lief dieses Jahr der Film 2+2=22 (The Alphabet) von Heinz Emigholz, der die Band Kreidler bei der Arbeit an ihrem Album Abc in einem Tifliser Tonstudio zeigt. Man sieht geschäftige Musiker, aber es ist nicht wirklich ersichtlich, wann die „eigentliche“ Arbeit am Album beginnt. Für improvisatorisch arbeitende Bands wie Kreidler sind Anfänge, Enden und finished products wohl sowieso eher leidige Sachzwänge: Willkürliche Schließungen, die der Idee des offenen Kunstwerks widersprechen.

Und so kam es denn auch, dass die Berlin-Düsseldorfer Gruppe das ursprünglich geplante neue Album kurz vor dem Mastering-Termin verwarf. So kurz nach dem Trump-Schock kam es ihnen zu harmlos vor, im Angesicht des realen Fiesen galt es, eine andere ‚Musik zur Zeit‘ zu formulieren. European Song ist ein entsprechend dringliches und düsteres Statement geworden, das die Gewaltverhältnisse der Gegenwart zu sublimieren scheint. Die live eingespielten und mit wenig Postproduktion editierten Tracks klingen ungewöhnlich rabiat. Die Band rückt von der postdramatischen Gelassenheit vergangener Tage ab, zynisch könnte man zu dieser Radikalisierung sagen: Trump sei Dank. European Song klingt hitziger, hysterischer und körperlicher als frühere Kreidler-Alben, eine latente Panik prägt die Atmosphären der von Afrobeat, Techno oder Funk informierten Stücke.

Hitziger, hysterischer, körsperlicher: Trump sei Dank.

Von hyper-souveräner whitecube-Musik denkbar weit entfernt, setzen sich Kreidler dem Dickicht der Verhältnisse aus und lassen sich vom Außen da draußen irritieren. Im Zentrum steht mit „Radio Island“ ein brutalistischer Monolith, der in 13 Minuten eine unerhörte Abdrift entwickelt und all die Gefahren, die das Album angestachelt haben, auf den Punkt bringt. Das klingt bedrückend, aber nie klaustrophobisch. Immer geht es auch um andere Möglichkeiten. Die schon aus früheren Kreidler-Tracks bekannte Chiffre des Utopischen heißt einmal mehr und against all odds Europa. Gemeint ist ein empathisches Europa, das Grenzen einreißt – so steht es zumindest zwischen den Zeilen dieser heftigen aber doch einladenden Musik.