Pro und Contra: Arca „Arca“ / Review

Arcas drittes Album ist exaltiert, gefühlsschwanger und schlicht eines der ergreifendsten Popalben der jüngsten Zeit. Das bedeutet aber auch: Es spaltet die Gemüter. Shilla Strelka und Hans Nieswandt haben Arca gehört und sich unterschiedliche Meinungen gebildet.

Pro
Shilla Strelka: „Eine Trendwende in der queeren Post-Clubkultur“

Progressive Club-Elektronik hat sich in den letzten Jahren vermehrt persönlichen Themen zugewandt – und sich immer offener mit Emotionen beschäftigt. Acts wie Rabit, Elysia Crampton, Visionist oder Jlin verarbeiten in ihren Tracks negative Erlebnisse und Traumata. Ebenso Arca. Mit seinem selbstbetitelten dritten Album schlägt er ästhetisch allerdings einen anderen Weg ein und wagt sich damit auf gänzlich neues Terrain.

Alejandro Ghersi, der bis dato mit hyper-ästhetisierten, amorphen Hybrid-Tracks auf sich aufmerksam machte und Vocals höchstens in atomisierten Raps oder Samples in seine Musik vorließ, entdeckt auf Arca die eigene Stimme als Instrument. Inspiriert von seiner Arbeit mit Björk und FKA Twigs liefert er riskante Liebeslieder, die mit einer unwahrscheinlichen Intensität von Begehren, Sexualität, Schmerz und Verzweiflung erzählen. In introspektiven Songs dekonstruiert er die Leidenssprachen der Musikgeschichte und integriert das Resultat in seine formalisierte, abgründige Klangwelt. Dabei erinnern die Arrangements an romantisch-elegische Balladen und sakrale Liturgien, die sich an gebrochenen Beats, dissonanten Synthies und dystopischen Trap-Versatzstücken brechen. Arca ist ein gewagtes Wechselspiel zwischen theatraler Geste und intimem state-of-the-art-Pop – eine beklemmende Gratwanderung zwischen Pathos und Subversion.

ein Album mit dem Potential, eine Trendwende in der queeren Post-Clubkultur einzuläuten

Den Kontext stellt Arca dabei selbst her: In einem „Vice“-Interview mit Wolfgang Tillmans erzählte er kürzlich von seinen ersten homosexuellen Erfahrungen, im von Jesse Kanda realisierten Video zur ersten Single „Reverie“ stelzt er auf High-Fashion-Prothesen im futuristischen Kostüm zwischen Matador und Stripper mit einem monströsen Phallus zwischen den Beinen herum. Zudem sei er von einer Cruising-Szene auf einem viktorianischen Friedhof inspiriert, heißt es im Pressetext. Gleichzeitig wählt Ghersi bewusst die spanische Sprache und thematisiert dabei seine Jugend in einem konservativen Venezuela. Zwischen der tabulosen Inszenierung seiner Sexualität und dem vokalen Pathos offenbart sich ein verletzliches Künstler-Ich, das nach einer direkten Übersetzung tiefer Gefühle und Schönheit fahndet und dabei konsequenterweise nicht vor Kitsch zurückschreckt – und damit ein Album mit dem Potential vorlegt, eine Trendwende in der queeren Post-Clubkultur einzuläuten.