Roots – King Kunta / Feature zur Deutschlandpremiere

Still aus dem Trailer zu "Roots"

Das Remake von Roots, das am Memorial Day 2016 auf dem History Channel startete und vom 14. bis 17. April erstmals in Deutschland ausgestrahlt wird, unterliegt dem Überbietungszwang. Die Miniserie verlangt nach bezwingenderer Anschaulichkeit.

Von seinem Namen will Kunta Kinte nicht lassen. Er hält an ihm fest als dem spirituellen Kern seiner Existenz. Immer wieder schlägt der Aufseher mit einer Peitsche auf ihn ein, die mit Nägeln versehen ist. Aber Kunta weigert sich. Den Sklavennamen Toby will er um keinen Preis annehmen. Es braucht gut 30 Hiebe, bis sein Wille gebrochen ist.

In der Erstverfilmung von Roots im Jahr 1977 genügten dafür noch zehn – sie waren für das US-Publikum schockierend genug. Das Remake von Roots, das am Memorial Day 2016 auf dem History Channel startete, unterliegt dem Überbietungszwang und verlangt nach bezwingenderer Anschaulichkeit. Aber wird diese Schlüsselszene noch eine ähnliche Wirkung auf die Zuschauer haben? 1977 war sie eine biografische Wegmarke nicht nur für den Protagonisten. Die New York Times berichtete von zwei weißen Angestellten, die im Fahrstuhl einen schwarzen Kollegen mit »Kunta Kinte« begrüßten, worauf dieser mit grimmigem Lächeln erwiderte: »Nein, ich bin Toby.«

Überleben allein genügt nicht mehr als Widerstand.

Welch epochales Ereignis die Ausstrahlung der Miniserie damals darstellte, ist heute kaum vorstellbar. Die Adaption von Alex Haleys Roman war ein Akt der Gegengeschichtsschreibung. Ein Jahr zuvor waren zum Bi-Centennial der USA die Gründerväter gefeiert worden, die größtenteils Sklaven hielten. Roots öffnete einen alternativen Blickwinkel – und bescherte dem Sender ABC Rekordquoten. Allerdings musste die Serie dem zeitgenössischen Publikum etliche Brücken bauen. So wurden die weißen Schurkenrollen mit Sympathieträgern besetzt, namentlich Lorne Greene und Ralph Waite, den Vaterfiguren aus Bonanza und The Waltons. Entsprechend schwer fiel es dem Drehbuch, sich vom paternalistischen Blick auf die domestizierten Sklaven zu lösen.

Die Neuverfilmung ist hingegen konsequent aus Kuntas Perspektive und der seiner Nachfahren erzählt. Sie raut den epischen Erzählfluss auf, setzt auf abrupte, schockierende Brüche. Diese Subjektivierung des Blicks ist keine Engführung, sondern eröffnet einen Zugewinn an Komplexität, da der Kamera heute ein agilerer Zugriff auf die Realität möglich ist. Malachi Kirby ist als Kunta wachsamer, angriffslustiger als sein Vorgänger LeVar Burton, er ergreift mehr Gelegenheiten zur Flucht. In Afrika gehörte er der Aristokratie an und wollte an der Universität von Timbuktu studieren. Sein Freiheitsdrang ist unbeugsam, Überleben allein genügt nicht mehr als Widerstand.

Derlei Ermächtigungsfuror ist selbstverständlich zeitgemäßer. Zugleich gibt sich die Neuverfilmung aufgeklärt traditionsbewusst. Sie bessert historische Unstimmigkeiten der Vorlage nach, legt bei der Wahl der Drehorte und der Zeichnung der Figuren unbedingten Wert auf Authentizität, greift Ergebnisse der Migrationsforschung auf, die damals noch in den Anfängen steckte. Und sie begreift sich als respektvoller Teil einer Überlieferung, deren letztes Kapitel noch längst nicht geschrieben ist.

Roots
USA 2016
Mit Malachi Kirby, Forest Whitaker, Anna Paquin u. a.

Dieser Text ist wie viele weitere Features in der Printausgabe SPEX No. 369 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden.