„Scheiße, was haben wir uns da eingebrockt?” – JPTRs Art Pop aus Outer space

Foto: Olivier Baumann

Achtung, ernstgemeinte Phrase: JPTR sind ein Herzensprojekt. Das Kollektiv aus Zürich macht Pop als Gesamtkunstwerk und scheut keinen Aufwand, um seine Vision in Musik, Videos und Live-Visuals zu gießen. So entsteht tatsächlich ein ganz eigener Kosmos – seit kurzem auch auf in Albumform.

JPTR ist ein Projekt der Musiker Andrina Bollinger und Ramón Oliveras, jeweils Gesang und Schlagzeug, und des inoffiziellen dritten Mitglieds Olivier Baumann. Bollinger und Oliveras komponieren und performen live. Zusammen mit Baumann schreiben sie an den Texten und entwickeln gemeinsam eine ästhetische Vision. „Wir alle mögen die Idee eines Gesamtkonzeptes – die Musik, das Erscheinungsbild, die Videos, alles soll kohärent sein. Wir versuchen, einen ganzen Kosmos zu schaffen”, erklärt Bollinger.

Für diesen Kosmos packen JPTR spontan die Kamera ein und fahren sechs Stunden in die Berge. „Da heißt es auch mal: Zieh’ nichts an und lauf 30 Minuten durch den Wald für zwei Sekunden Film”, erzählt Baumann. Oder es geht für einen Wochenendtrip nach Italien, um ein Video am Meer zu drehen. „Bei Vollmond”, ruft Bollinger. „Es war super kalt!” „Zwölf Grad, drei Uhr nachts”, schiebt Baumann hinterher. „In dem Moment ist es immer völlig bizarr, weil wir denken: Scheiße, was haben wir uns da eingebrockt?”

Gerade sitzen Bollinger und Baumann jedoch im Bandraum. „Band- und Lagerraum”, wirft Baumann ein, und beide blicken durch die Skype-Kamera interessiert in eine Berliner WG mit Esel-Kalender an der Küchenwand. Schlagzeuger Oliveras hat es nicht zum Termin geschafft, aber die verbliebenen JPTRs sorgen für ausreichend verwirrende Tick-Trick-und-Track-Momente. Bleibt einer von beiden mitten im Satz hängen, beendet ihn der andere. Manchmal fallen sie sich vor lauter Eifer einfach ins Wort.

Die Verschmelzung der Charaktere bildet sich nicht nur auf dem Artwork des kürzlich erschienen selbstbetitelten Debütalbums ab: einer Kunstfigur irgendwo zwischen Nofretete-Büste und zweigeschlechtlichem Zwitterwesen. Sie zieht sich durch das ganze Gespräch. Und man kann tatsächlich von Charakteren sprechen. Ikaru, Kiu und Iu, so nennen sich die Mitglieder im JPTR-Kosmos. „Ein Jahr lang gingen 100 Prozent unserer Zeit für Jupiter, Jupiter, Jupiter drauf”, erklärt Baumann. „Irgendwann entwickelten wir eine eigene Identität innerhalb des Projekts.”

„,The origins of JPTR’ als Comic. Das wärE schon geil.”

Musikalisch changieren JPTR zwischen der rauen Energie in Songs wie „Jesus Christ” und verführerisch eindringlichen Masturbationsfantasien in „Master Babe”. Die Kombination aus Schlagzeug und Gesang scheint zunächst gewöhnungsbedürftig. „Das hört man oft, ja: ,Ich hätte jetzt hier noch gern nen Synthie’ und ,Könnte man da nicht noch ein bisschen Harmonik?’” Doch Bollingers Gesang füllt mit seinem wandelbaren Ausdruck vorsorglich alle Lücken, die manche Zwei-Gitarren-Schlagzeug-Bass-Puristen vermissen könnten. JPTR sind reduziert, ja. Ihr Sound ist minimalistisch. Aber er geht auch ins Ohr.

Nicht nur die Intimität in „Master Babe”, auch der intelligente Umgang mit Soundproduktion, durch den die Songs auf dem Album schon in eine elektronischere Richtung gehen, machen jedes Stück unverwechselbar. Stimm-Tracks werden nachbearbeitet, übereinander gelegt oder verfremdet, um den Songs eine zusätzliche harmonische Struktur zu geben. „Boyfriend” beispielsweise wird so zu einem perfekten Popsong, dem man seine reduzierte Instrumentierung nicht mehr anhört. „Eigentlich sind wir wirklich eine Live-Band”, betont Bollinger. „Man muss uns sehen, um diese Energie zu spüren.”

Vor allem funktionieren die Stücke durch ihren improvisatorischen Ursprung am besten in einer Live-Performance. „Man ist viel freier, kann einen Beat einfach mal durchhalten und weiter experimentieren”, erklärt Baumann, der bei Auftritten für die Lichtshow verantwortlich ist und damit spontan auf die Musik reagiert. Die ersten Konzerte des Trios fanden noch im heimischen Wohnzimmer statt. Das Projekt begann gerade erst, sich zu entwickeln und mit der Besetzung aus Schlagzeug und Gesang zu experimentieren. „Wir haben da noch im Ausgehviertel gewohnt. Gegenüber war das Bordell, unter uns die Kontaktbar. Da konnte man das machen”, erzählt Baumann und lacht. „Zwei Drumsets und 200 Leute in unserem Apartment. Um 3 Uhr morgens!”

JPTR sind ständig im Wandel. Die Fluidität, für die das Projekt steht ist schwer einzufangen. Es wird zur Herausforderung, die Momente für Aufnahmen festzuhalten. „Bei uns ist es eigentlich andersrum”, meint Bollinger. „Weil unsere Songs durch Improvisation und Beats entstehen, stellen wir uns die Frage: Wie können wir den Song auf ein Album bringen? Live kann man’s ja spielen, aber …” – „… wie sieht die Produktion aus”, beendet Baumann den Satz.

Auch inhaltlich gehen JPTR einen anderen Weg. In ihren Songs geht es um Polyamorie, um die dunkle Seite der europäischen Einwanderungssituation und Geschlechterspiele im Bett. So ist „Boyfriend” wohl der bislang eingängigste Popsong über ein Strap-On. „Wir wollen auch anecken”, meint Bollinger. „Die Leute zum Nachdenken anregen.” Dabei stoßen sie allerdings sowohl in Musikindustrie als auch beim Publikum auf Widerstände. „,Warum dieses ganze Theater? Es hört doch eh niemand hin im Club’. Das hören wir oft”, meint Baumann und Bollinger fügt hinzu: „Die Schweizer Gesellschaft ist da nicht so offen.”

Eine Botschaft zu haben und in Songs über die Gesellschaft zu reflektieren, ist dennoch erklärtes Ziel des Kollektivs. „Für mich muss Musik eine Message haben”, sagt Baumann. „Manchmal gefällt mir ein Song, ich hör genauer hin und dann ist da einfach nichts. Das ist die größte Frustration – für was begeisterst du dich dann?”

Für kosmische Dinge zum Beispiel. Diese schlägt sich unmissverständlich in den Texten nieder, wenn JPTR beispielsweise in „Revolution” über die Galilei’sche Entdeckung der fünf Monde von Jupiter singen oder in „Attack” das Phänomen, dass ein Blick in den Sternenhimmel eigentlich ein Blick in die Vergangenheit sei, mit einer Kritik an der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau verbinden. „Für uns ist Pop nicht nur Musik, sondern sehr viel Inszenierung”, erklärt Baumann. „Pop hat viele Facetten und das kann man auch auskosten.” Mit Glückskeksen mit Song-Downloads zum Beispiel, oder den JPTR-Alter-Egos – und natürlich in der Musik. Die Leidenschaft und der Schaffensdrang des Kollektivs kennt da keine Grenzen. „Wir wollten auch mal einen Comic machen”, fällt Baumann da wieder ein. „,The origins of JPTR’ als Comic”, sagt er und grinst. „Das wäre schon geil.”

Das gleichnamige Debütalbum von JPTR ist am 7. April bei Mouthwatering Records erschienen.