Tale Of Us „Endless“ / Review

Endless sind 80 überambitionierte, prätentiös dreinblickende Minuten im Zwirn eines Sinfonieorchesters.

Wie kaum ein anderer Act diesseits von EDM verkörpert das aus Italien stammende Duo Tale Of Us die Clubmusik des laufenden Jahrzehnts. Carmine Conte und Matteo Milleri legen so wie viele EDM-Stars nur als Duo auf. Es brauche für ihre Sets zwischen DJing, vorprogrammierten Elementen und live bearbeiteten Eigenproduktionen schon zwei Köpfe und vier Hände, sagen sie. Wie ihr Publikum tragen sie konsequent schwarze Klamotten. Knapp zehn Jahre ist es her, dass sie ohne klare Perspektive von Mailand nach Berlin gezogen sind. 2011 kam mit der Single „Dark Song“ der Erfolg, sie trafen den Puls der Zeit. Alexis Waltz beschrieb das Phänomen in der Groove mal sehr treffend als „New Romantic House“. Seitdem folgten für die beiden Italiener einige weitere Hits, etwa auf Minus oder ihrem Stammlabel Life & Death. Der meist kathedralenhafte High-Performance-Sound von Tale Of Us vermischt Deep House, zeitgemäß verpackten Trance und Post-Minimal-Clubmusik. Eine irgendwie düstere Melancholie umweht ihre Produktionen. Visuell entspräche ihre Musik einem dieser rührseligen Tumblr-Fotoblogs in Schwarzweiß.

Visuell entspräche ihre Musik einem dieser rührseligen Tumblr-Fotoblogs in Schwarzweiß.

Ihr Debütalbum erscheint nun bei der ehrenwerten Deutschen Grammophon. 80 überambitionierte, prätentiös dreinblickende Minuten im Zwirn eines Sinfonieorchesters – so klingt Endless. Gerne wird auch die Ambient-Klaviatur der letzten 15 Jahre durchgeorgelt. Maschinen röcheln bedrohlich, in einsamer Melancholie schwelgen die Synthesizer, es kratzt und rauscht, Vinyl darf auf dem Stück „Distante“ auch mal knistern, was soll dieser geschundene Werkstoff auch sonst tun. Dräuendes Unheil kündigt sich freundlicherweise an, meist durch grummelnde Synthesizer oder übel rumorende Streicher. Zuweilen verheißt aber auch mal ein etwas verstimmt wirkendes Zwei-Finger-Klavier die Ankunft von etwas Unheimlichem. Die gute Nachricht ist: Die Erlösung ist meist nicht weit, stimmungsvolle Streicher erledigen den Job, auf einigen Stücken wie »Ricordi« haben pittoreske Zwei-Finger-Klaviermelodien der Coldplay-Schule ihre Auftritte als Stimmungsretter. Den Schlusspunkt von Endless setzt der Klang einer Triangel. Eine Triangel, simpelstes Klavierspiel und der Einsatz von Streicherensembles reichten also dazu aus, dass man es bei Universal für eine gute Idee hielt, dieses vor Klischees nur so strotzende Album für die Deutsche Grammophon zu signen. Natürlich können Tale Of Us nicht einmal der Wohlfühl-Neoklassik von Ludovico Einaudi das Wasser reichen. Aber vielleicht soll Endless ja nur eine Visitenkarte für den Einstieg ins Soundtrackgeschäft sein.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here