Actress „AZD“ / Review

AZD flirrt zwischen den Polen und zieht einen hinein in sein eigenes psychoaffektives Zeit-Raum-Kontinuum.

Das Gute an Clubmusik ist ja eigentlich, dass sie das Hirn ausschaltet. Der Pulsschlag der Maschinen setzt sich irgendwann durch und manövriert dein Körper in Trance, so dass man im besten Fall alles um einen herum vergisst. Darren J. Cunningham geht einen anderen Weg: seine Avant-Electronica holt einen ab, bevor man sich im Beat aufzulösen beginnt und führt in eine Sphäre der Imagination.

Nachdem viel über Cunninghams Ausstieg aus der Musikwelt spekuliert wurde, meldet er sich mit einer großen Mission zurück: AZD verspricht die Reise in eine verchromte Parallelwelt, in der Maschinen mittels Musik zu uns sprechen. Statt die ausgetrampelten Pfade funktionaler Clubmusik abzugehen, liefert Actress erneut ein Konzeptalbum, das sich ins Habitat der Sciene Fiction vorwagt: Das Heilmittel AZD (sprich: Acid) soll uns in eine Sphäre zwischen Blade Runner und Death Star katapultieren. Dafür reicht es nicht, linearen Techno aus Synths und Drumcomputern zu filtern. Actress investiert lieber in Fiktionen und verabschiedet sich vom emotionalen Autismus des Vier-Viertel-Beats. Er bastelt aus Chicago-House, Detroit-Techno, Hip Hop und UK-Bass tanzbare Assemblagen und lässt sie mit Störgeräuschen, schrägen Synth-Scapes und Hintergrundrauschen kollidieren. Mehr retro-futuristischer Soundtrack als typische Club-Scheibe.

Der Sound durchtanzter Nächte, scheppernder Glasscheiben und ausfadender Ekstase.

Actress macht Welten begehbar und Atmosphären und Bilder erlebbar: von durchtanzten Nächten, dem Sound scheppernder Glasscheiben und der ausfadenden Ekstase der Afterhour. Das dumpfe Gefühl nachklingender Euphorie schwingt dabei immer mit. Als wären es die Spuren zuckersüß-melancholischer Erschöpfung, die stundenlanges Bass-Wummern am Körper hinterlassen; der Afterglow eines Warehouse-Raves, den Actress klanglich einfängt und seinen Beats unterlegt. Zudem bringt er Maschinen zum Sprechen: In manche Tracks mischen sich dystopische Klangspielereien, in andere das Störfiepen von Glasfaserkabeln. Angetrieben von Acid-Synths wird ein heterogener Klang-Kosmos nachgebildet, der das Verhältnis von Erinnerung und Zukunft, Mensch und (Sound-)Technologie reflektiert. AZD flirrt zwischen den Polen und zieht einen hinein in sein eigenes psychoaffektives Zeit-Raum-Kontinuum.

  • Claudiu Lampersberger

    sehr gut beschriebende Review die Lieder klingen tatsächlich so.