Ingeborg Bachmann „
Male oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit.“ / Review

Die auf 30 Bände konzipierte Salzburger Bachmann-Edition von Piper und Suhrkamp startet mit hochbrisanten Briefen, Traumnotaten und Redeentwürfen. Unsere Autorin fragt sich: Muss denn alles dekodiert werden?

Schon zur Erscheinung ihres einzigen Romans Malina im Jahr 1971 musste Ingeborg Bachmann harsche Kritik einstecken: Der Roman wurde vornehmlich als Dokument einer Lebenskrise gelesen und daher gänzlich missverstanden. Schwach, peinlich, wirr und missraten, lautete zum Beispiel das hämische Urteil von Reich-Ranicki, der, mitsamt des Gros des (männlich dominierten) deutschen Literaturbetriebs, einen psychoanalytischen oder autobiographischen Deutungsansatz forcierte.

Knapp 50 Jahre später startet mit Male oscuro die auf 30 Bände konzipierte Salzburger Bachmann-Edition der Verlage Piper und Suhrkamp ausgerechnet mit den hochbrisanten Briefen, Traumnotaten und Redeentwürfen, die Bachmann zwischen 1963 und 1968 für ihre Ärzteschaft angefertigt hatte. Es sind düstere, virtuose Lebenszeugnisse, die sicherlich einen Schwellenstatus zwischen Leben und Literatur beanspruchen – aber eben doch niemals zur Veröffentlichung gedacht waren.

Man kommt nicht umhin, sich zu fragen: Will man das wissen?

Die Frage nach der poetologischen Relevanz dieser Aufzeichnungen wird den verschiedenen Lagern der Bachmann-Rezeption erneut schlaflose Nächte bereiten und sicherlich wieder Öl in das Feuer alter Missverständnisse gießen. Aber auch für den einfachen Leser ist Male Oscuro eine Herausforderung. Natürlich wird beim Lesen der Traumnotate eine rhizomatische Vernetzung von Symbolen und Motiven mit dem Traumkapitel in Malina sichtbar. Beide erzählen von der Dissoziation weiblicher Identität und der Unvermittelbarkeit von Krankheit. Die Protokolle sind schillernde, literarische Inszenierungen, die mit den Mitteln von Montage und Komposition arbeiten. Sie erstellen die seelische Topographie eines Schmerzes, der später verschlüsselt ins Prosawerk wandern wird – die Topoi aufbewahrt und zugleich verborgen.

Und doch kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Will man das wissen? Muss denn alles decodiert, entschlüsselt und rückbegriffen werden? Oder kann ein Werk, das die Krankheit als literarische Herausforderung nutzt, das den Ausbruch aus der Logik des Opfers durch ein Schreiben im Staunen vollzieht, nicht auch für sich alleine stehen?

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