Doppelreview: Andrew Dominik „One More Time With Feeling“ vs. Mount Eerie „A Crow Looked At Me“

„Gerade noch Musik“ und mehr als ein Musikfilm: Andrew Dominiks gerade auf DVD erschienener Dokumentarfilm One More Time With Feeling und Mount Eeries Album A Crow Looked At Me legen alles offen. Auch das, was wir niemals hätten wissen sollen.

Was wir jetzt wissen, hätten wir niemals wissen sollen. Aber es ist ja auch passiert, was nicht passieren darf. Am 09.07.2016 ist Geneviève Castrée gestorben, Zeichnerin, Musikerin und Ehefrau des Songwriters Phil Elverum. Etwa ein Jahr zuvor wurde die einzige Tochter des Paars geboren, Elverum wohnt mit ihr im US-Bundesstaat Washington. A Crow Looked At Me ist sein Album über den Tod und das Weiterleben, veröffentlicht unter dem Künstlernamen Mount Eerie, den er seit 2003 benutzt, um solitäre Tüftel-Folk-, Kurzzeit-Noise- und Naturbeobachtungsplatten zu veröffentlichen. Alles scheint offen zu liegen auf diesem Album, das sehr genau ist mit Daten und Fakten, kein Filter scheint mehr zwischen Leben und Kunst geschaltet.

In Andrew Dominiks Dokumentarfilm One More Time With Feeling werden die Filter irgendwann selbst zum Thema. Der Film begleitet die Aufnahmen von Skeleton Tree, dem 16. Album von Nick Cave & The Bad Seeds. Natürlich in stylischem Schwarzweiß, aber auch mit 3D-Kameras, deren Einsatz im Studio eine derart geniale Idee war, dass man sich Arbeits- und Funktionsweise von Cave und Band näher fühlt als je zuvor. One More Time With Feeling ist jedoch mehr als ein Musikfilm. Es geht auch um den Tod eines Sohns von Cave und die Versuche des Künstlers, das Geschehene in Worte und Songs zu fassen. Einmal besucht ihn seine Familie im Studio, und weil es sonst gerade nichts zu tun gibt, zeigt Cave seinem anderen Sohn die 3D-Kameras.

Eine alles umfassende Hilflosigkeit, an deren Ende kein Ergebnis wartet außer noch mehr Hilflosigkeit.

One More Time With Feeling und auch das zugehörige Bad-Seeds-Album gehen ihr Thema mit Nick-Cave-Methoden an. Sie bedienen sich bei einer über Jahrzehnte erarbeiteten, erweiterten und bewährten Ausdrucksweise, die immer auch eine gewisse Distanz zu sich selbst beinhaltet. Film und Platte haben niederschmetternde Momente, aber im Gedächtnis behält man vor allem, wie gezielt sie diese Momente inszenieren und wie souverän sie ansonsten bleiben. Anders Elverum: Er hatte nichts in der Schublade, auf das er zurückgreifen konnte. A Crow Looked At Me behandelt das Versagen von Körper, Geist, Kunst und Sprache. Eine alles umfassende Hilflosigkeit, an deren Ende kein Ergebnis wartet außer noch mehr Hilflosigkeit.

Es gibt einige eerie Details zu Timeline, Aufnahmeprozess und Instrumentierung von A Crow Looked At Me, einen Entstehungsmythos, der gemeinsam mit Elverums Texten bereits zur völligen Auflösung der Privatsphäre des Künstlers und seiner Familie geführt hat. Man kann das alles runterbeten, um die heaviness des Projekts zu unterstreichen, viele Artikel über das breit rezipierte (um nicht zu sagen gehypte) Album haben das schon getan. Ein anderer Ansatz wäre, sich einfach mal die Songs anzuhören. Elverum nennt sie „gerade noch Musik“, und das sind sie auch: geflüsterte, manchmal fast gesummte Akustikgitarrenstücke, ein wenig Klavier, ein wenig Drummachine, betont kunstlos und ungekünstelt, ein Tempo, eine Stimme, eine Stimmung. Ganz ohne Kameras, aber genauso 3D wie One More Time With Feeling.