Fishbach – Novalis-Style / Feature & Videopremiere

Foto: Yann Morrison

Die Pariser Musikerin Fishbach hat keine Lust auf Gejammer. Statt Post-Bataclan-Pseudo-Sturm-und-Drang findet ihr Trotz Halt in einer heute eher verrufenen Epoche: der Romantik. SPEX hat sie getroffen und präsentiert das Video zu „Un autre que moi“ in der Premiere.

„Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge“, so der alte Romantik-Haudegen Novalis über das Dilemma einer aufgeklärten Gesellschaft, welche das Denkwürdige notwendigerweise umso unbedachter lässt, je rigider sie denkt. Novalis wirbt für eine Kunst, die das Unbegreifliche akzeptiert, umarmt – und für die Melancholie als Gegenspieler des Zynismus. „Leider leben wir in einem Zeitalter des Zynismus“, meint die französische Musikerin Flora Fischbach, nur um nachzuschieben, dass sie die Schnauze davon gestrichen voll habe.

Geboren in der Normandie, in den Ardennen erwachsen geworden, hat Fishbach erst mit 17 mit der Musik angefangen. Irgendwann verschlägt es sie nach Paris, das iPad als einziges Instrument in den Koffern, die ihr bis heute – nach über 20 Umzügen – noch am ehesten eine Heimat sind. Ein paar Jahre in einem Elektropunk-Duo hinter sich, versucht sie es alleine, schlägt sich durch, kellnert, arbeitet als Fremdenführerin und tritt daneben, ein C aus dem Patronym getilgt, unter dem Namen Fishbach auf. Nun erscheint ihre Debüt-EP: Un Autre Que Moi am 12. Mai.

Von Beginn an ist Mortalität ein essenzieller Topos der Songs. „In meiner Familie arbeiten viele an der Schwelle zum Tod. Sie begleiten Menschen im Moment davor, im Moment danach“, sagt Fischbach. Der Tod hat für sie deshalb nichts makabres, ist eher ein Faszinosum, über das man spricht, sogar lacht. Dass sich Fischbach als Fishbach in diesem Kontext lyrisch verortet, referiert nicht auf den Adoleszenz-Existentialismus à la Camus, sondern bedeutet vielmehr eine gewisse Neo-Romantik, die sie in das melancholische Pathos ihres New-Wave-Sounds kleidet. Fishbach-Songs sind düster und doch ohne Lamento. Wie relevant ein solcher Ton ist, wurde ihr erst nach den Anschlägen im Pariser Club Bataclan bewusst. Sie wollte direkt am nächsten Tag auf die Bühne. „Fertig fürs Gemenge, parierte ich mit meiner Art zu lieben“, heißt es in einem ihrer Songs. Doch, so erklärt sie, Frankreich liebe seine Schweigeminuten zu sehr.

„Leider leben wir in einem Zeitalter des Zynismus.“

Flora Fischbach ist keine Salon-Intellektuelle. Sie liest Fantasybücher, mag das Mystische der Romantik. Sie singt von Sehnsucht in Zeiten des Bildschirms, begehrt die an diese neuen Pariser Nächte Verlorenen und scheißt auf Pseudo-Reflexionen. Immer wenn die Gefahr besteht vom Romantischen ins Kitschige abzudriften, setzt die Musik einen Kontrapunkt und umgekehrt. Ihr Achtzigersound kommt vom iPad und ist doch unbewusste Rückorientierung an das, was ihre eher prosaischen Eltern hörten, wenn sie ab und an mal feiern gingen. Das Retrohafte sei nicht intendiert, sondern passiert. Musik, Texte, Auftreten – bei Fishbach ist alles fiebriges Phantasma. Sehnsüchtig, morbid, widersprüchlich. Novalis-Style eben: „Ganz begreifen werden wir uns nie, aber wir werden und können uns weit mehr als begreifen.“

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX No. 372 erschienen. Das Heft mit vielen weiteren Features und Interviews kann nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden.