Goldfrapp „Silver Eye“ / Review

Silver Eye ist in vielerlei Hinsicht das somnambulste und transzendentalste Album dieser Band – und ihrer Idee von Goldfrapp als Lebensprojekt.

„I can’t wait / I can’t wait anymore“ – Goldfrapp wollen es auf ihrer neuen Platte wissen. Der unaufhaltsam vorwärtsschiebende Roboter-Beat von „Anymore“ und „Systemagic“ lässt sogleich an ein lupenreines Clubalbum wie Supernature denken. Zeilen wie „Connect me to the other side“, oder „Luna light / You’re the spell“ lassen jedoch keinen Zweifel, dass Silver Eye (Metapher für Mond) viel mehr supernatural ist als Supernature und eigentlich alle anderen Goldfrapp-Alben zusammen. Der Mond als Diskokugel, sozusagen.

Als magisch verstandene Natur: Tiere und Mischwesen, Wasser, Himmelskörper, Licht und Schatten, Werden und Vergehen. Loving the Übergang.

Nun haben Alison Goldfrapp und Will Gregory ihr Faible für Esoterik nie versteckt: Tales Of Us war zwar konkreten Frauenfiguren gewidmet, doch waren diese dunkel und unheilschwanger umflort, stets mit einem Bein in der Zwischenwelt. Silver Eye ist in vielerlei Hinsicht das somnambulste und transzendentalste Album von Goldfrapp, und möglicherweise dasjenige, das die Idee dieser Band als Lebenszeit-Projekt am besten zum Ausdruck bringt. Darauf schlagen Goldfrapp keine wirklich neuen Wege ein, wagen dafür aber die stringente Kombination ihrer Leidenschaften Electro und Dance sowie Folk- und Songwriterpop. Die inhaltliche Klammer liefert die als magisch verstandene Natur mit ihren Elementen und Vorgängen: Tiere und Mischwesen, Wasser, Himmelskörper, Licht und Schatten, Werden und Vergehen. Loving the Übergang.

Nicht ganz hälftig (leichter Vorteil für die Balladen) wechseln sich synthetisch bratzende Beats wie bei „Become the One“ mit fragilen Songs ab, Alison Goldfrapp agiert wahlweise als glitzernde oder ätherische mistress of ceremony. Die scheinbar gegensätzliche Mischung aus Kraftwerk-hafter Kühle, cinematischen Soundscapes und spröder Entrücktheit mit darunter pulsierendem, warmem Blutkreislauf haben Goldfrapp noch nie so klar hergezeigt wie auf Silver Eye – womöglich auf Geheiß von Wild-Beasts– und St.-Vincent-Producer John Congleton, der ja ein Händchen für mutigen Avant-Pop hat. Dass unterwegs niemand Alison Goldfrapp die Sternzeichen-und-Heilkräuter-Lyrics ausreden konnte, ist dabei verzeihlich.

Diese Review ist wie viele weitere Plattenbesprechungen in der Printausgabe SPEX No. 373 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.