Die Regierung „Raus“ / Review

Raus ist nicht nur das unwahrscheinlichste, sondern auch das würdigste Alterswerk, das Die Regierung hätten abliefern können.

Die Regierung in einem Wort? Das wäre dann wohl „Eigentlich“. Die beste deutsche Platte der Achtziger aufgenommen, bei Alfred Hilsberg unter Vertrag, den Take-off von L’age d’or mitgemacht – mehr hätten sich Tilman Rossmy und Kollegen nicht wünschen können. Eigentlich, denn Erfolg, ausgedrückt in Plattenverkäufen und Konzertbesuchen, blieb rar. Nach dem zeitlosen Debütalbum Supermüll löste sich die Band de facto auf und formierte sich erst sechs Jahre später wieder neu für einen Zweitling. Doch So allein floppte 1990 so gnadenlos, dass Hilsberg die Gruppe schnellstmöglich von seinem Label wissen wollte. Die Band fand zu L’age d’or und haute mit So drauf und Unten zwei so zeitgeistige Alben raus, dass nichts mehr schiefgehen konnte. Eigentlich.

Songs wie „Konjunktiv 2“ wirken in ihrer Direktheit befreiend

Denn schon während der Produktion von Unten beschloss die Band erneut getrennte Wege zu gehen. Da schafften Blumfeld mit ihrem Zweitling L’etat et moi gerade den Durchbruch, ein Jahr später betraten Tocotronic mit Digital ist besser die Bühne. Kein Platz mehr für einen Mitdreißiger wie Rossmy, dem das Geschichtenerzählen immer wichtiger war als das Füttern des Popkultur-Diskurses. Der kehrte Hamburg den Rücken und damit auch einer Welt, die viel auf den Begriff Indie hielt, sich im Kern aber nur für „Koks und ihre Frisuren“ interessierte, wie es im bis dato letzten Die-Regierung-Stück „Alles gar nicht wahr“ heißt.

Inzwischen ist Rossmy fast 60. Mit dem professionellen Musikerdasein hat es nicht geklappt und wird es auch nicht mehr. Dass die Band trotzdem noch mal eine Platte macht und das eigene Scheitern ganz ungefiltert thematisiert, macht Raus nicht nur zum unwahrscheinlichsten, sondern auch zum würdigsten Alterswerk, das Die Regierung hätten abliefern können. Rossmy bereist in seiner lakonischen und selbstreflektierten Lyrik sein Leben, die Zeit in Hamburg und die Möglichkeiten, die sich geboten hätten. Und macht damit letztlich genau das, was ihn schon in den Neunzigern von den Kollegen von Lowtzow oder Distelmeyer abhob, die stets nach Hintersinn und Referenzialität haschten. Songs wie „Konjunktiv 2“ wirken in ihrer Direktheit befreiend: „Wären wir damals zusammengeblieben, würden wir dann immer noch in Hamburg leben?“ Die Regierung haben sich für Raus entschieden. Das war in Ordnung so. Eigentlich.