Review: Drake „More Life“

Ein Showstopper für die Spotify-Ära: Das neue Drake-Projekt More Life ist return to form und Reizüberflutungs-Playlist.

Wer noch immer an „Weniger ist mehr“ glaubt, droht das Zeitalter von Drake zu verschlafen. Letztes Jahr veröffentlichte der Rapper, Sänger und eventuell auch Songwriter aus Toronto das Album Views: 20 Songs, 82 Minuten, drei Milliarden Spotify-Streams. Seitdem befindet sich Drake auf Autobauer-Hallentour mit Feuerwerken, Flammenwerfern, twerkenden Tänzerinnen und genügend Hits für ein souveränes Zwei-Stunden-Programm. Nach den Shows stellte er außerdem More Life fertig, sein je nach zählweise fünftes oder sechstes Album. Oder seine erste Playlist.

Diese von Drake selbst gewählte Bezeichnung für More Life ist kein Zufall. Mehr als jeder andere Künstler konzentriert er sein Kerngeschäft inzwischen auf die Streaming-Dienste. Niemand wird dort häufiger gehört als er, was bedeutet, dass dort auch niemand mehr Geld verdient, was wiederum bedeutet, dass Drake der King ist. Teil seiner Strategie ist die Reizüberflutung des Publikums: Wer 82 Minuten Views streamt und jetzt noch mal 82 Minuten More Life, hat 164 Minuten weniger Zeit, um Rihanna, Migos oder Beyoncé zu streamen. Und wahrscheinlich auch gar keinen Bock mehr darauf.

Views war allerdings nicht nur wegen seiner Ausmaße schwer anzuhören. Mit „One Dance“ und „Hotline Bling“ enthielt es die bisher größten Drake-Hits, es war aber auch das trostloseste Projekt in der Karriere des ehemaligen Trostspender-MCs. Wer es mit Dirty-Projectors-Kopf David Longstreth hält, der an Drake vor allem die detaillierten, abgewogenen Beziehungskisten schätzt, wurde von einer eindimensionalen Platte enttäuscht, die alten Feinden und offenen Rechnungen nachhing. Kein „emotionales HD-Fernsehen“ (Longstreth im SPEX-Interview), sondern Drake in Schwarz-Weiß.

als jamaikaner ist drake ähnlich glaubwürdig wie die bobmannschaft aus „Cool runnings“.

More Life ist schon deshalb besser, weil es die Freude in Drakes Musik zurückbringt. Das bedeutet natürlich die Freude darüber, der Größte zu sein: Seit dem Nothing-Was-The-Same-Opener „Tuscan Leather“ hat sich Drake nicht mehr so geil selbst geil gefunden wie hier. Es bedeutet aber auch die Freude am Spiel mit den eigenem Image als Herzensbrecher, der es eigentlich besser weiß, aber einfach nicht anders kann. „I drunk text J. Lo / Old number, so it bounce back“ rappt Drake schon in der zweiten Strophe des Projekts. Später drunk-samplet er „If You Had My Love“, den 1999er-Hit seiner vermeintlichen Kurzzeit-Ex. Das geplante Jennifer-Lopez-Feature in „Get It Together“ hat Drake jedoch neu vergeben: an die 19-jährige Sängerin Jorja Smith. Inglorious bastard!

Ähnlich rigoros geht Drake vor, wenn er an der Weiterentwicklung seiner Idee von Rap-Weltmusik arbeitet. „Get It Together“ basiert auf einem überragenden House-Track des südafrikanischen DJs und Produzenten Black Coffee. Skepta und Sampha kriegen eigene Stücke. Auch zwei Features des Londoner MCs Giggs bringen UK-Shine und Grime-Credibility. Problematisch bleiben jedoch Drakes unreflektierte Dancehall-Anmachen und das unerklärliche Fake-Patois, in das er gelegentlich verfällt. Als Jamaikaner ist er ähnlich glaubwürdig wie die Bobmannschaft aus Cool Runnings.

Solche Ausrutscher sind im Konzept einkalkuliert: More Life hetzt von Track zu Track und Stream zu Stream, nicht einmal die Interludes unter den 22 Stücken sind als Atempausen angelegt. Die Dramaturgie ist tatsächlich mehr Playlist als Album, die Selbstkontrolle nicht ganz so streng wie auf den besten Drake-Platten Take Care und Nothing Was The Same. Das große think piece zum Ende des Albumformats braucht trotzdem niemand zu schreiben. Je weniger man jetzt nachdenkt, desto besser funktioniert More Life.