Mutter „Der Traum vom Anderssein“ / Review

Es gibt eine neue Mutter-Platte und somit keine Antworten, aber viele neue Fragen.

Zufall? Fügung? Antizipation? Schon immer verhandelten die Texte Max Müllers im Kern existenzielle Fragestellungen und Überlegungen zur Identität des Menschen. Oder sie gossen genaue Beobachtungen des Alltags und des Zwischenmenschlichen wie auch Geschichten aus dem Fernsehen und aus der Zeitung in eine singbare deutsche Sprache. Nun schaut heutzutage niemand mehr Fernsehen (und kaum einer liest mehr Zeitung), stattdessen verbringen wir dieselbe Zeit im Internet. Wir geben dort in den Sozialen Medien viel preis von uns, und wir erfahren auch viel über die anderen – mehr als wir vielleicht in der Vergangenheit von ihnen im direkten Gespräch erfahren hätten.

Max Müller kann davon ein Lied singen, genauer gesagt: Auf Der Traum vom Anderssein singt er derer acht. Auf ihre Art sind sie alle herausragend, gültig und berührend, weil sie alle genuin an der Welt und an den Menschen interessiert sind. Max Müller bringt eine Empathie zum Ausdruck, die, weil sie von teilweise verzerrter, dissonanter Musik ummantelt ist, nicht sofort als solche auffällt. Andere Songs sind fragiler, geradezu zärtlich in Dur arrangiert. Auch in ihnen findet sich diese Empathie, aber sie wirkt fast verstörend, weil die Süße des Vortrags nahe legt, dass Max Müller seine Texte vielleicht „ironisch“ oder „sarkastisch“ gemeint haben könnte.

Das Leben ist zu kurz, um in Lügen zu leben.

Dem ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so, sonst würde diese wundervolle Musik nicht so zu uns sprechen. Gleichwohl wurde Max Müller in den mittlerweile 31 Jahren, die Mutter existieren, immer wieder mit Missverständnissen dieser Art konfrontiert. Dabei muss man ihm eigentlich nur genau zuhören: In „So bist du“ etwa: „Und wieso soll ich ihm sagen, dass er lügt / Wenn er so glücklich damit ist? / So bist du.“ In dem Song geht es wohl um alternative Fakten des Lebens, aber als Müller den Text geschrieben hat, gab es diesen Begriff noch gar nicht, da redete man vielleicht noch von „Verschwörungstheorien“ und „Lügengebäuden“. Wenn also Müller statt zu verurteilen Empathie und Verständnis aufbringt für, sagen wir mal: den Traum vom Anderssein, dann blickt er möglicherweise einfach nur auf den Bildschirm seines Computers und bildet ab, was er sieht.

Das Leben ist zu kurz, um in Lügen zu leben, es reicht, wie Platon sagt, in der Regel genau aus, um eine Idee, ein Projekt im Leben zu Ende zu bringen. Vielleicht sind Mutter auch deshalb, weil sie dran geblieben sind an ihrem Projekt, in den letzten drei Jahrzehnten mit jedem Jahr relevanter geworden? In „Fremd“ heißt es: „Ist es wieder mal so weit / Willst du erfahren wo du stehst?“ Ja, ist es. Es gibt eine neue Mutter-Platte und somit keine Antworten, dafür aber ganz viele neue Fragen.