Yasmine Hamdan – Von überall her kommen

Foto: Flavien Prioreau

Hätte sie Jim Jarmusch nicht in seinem Film Only Lovers Left Alive auftreten lassen, wäre Yasmine Hamdan vielleicht nie einem größeren Publikum bekannt geworden. Denn zunächst musste sie gegen das Schubladendenken der Musikbranche ankämpfen, die ihren eklektischen Stil nirgendwo hinpacken konnte. Ein ähnliches Kastendenken findet sie auch in den gegenwärtigen Islam-Debatten wieder. Hamdan begegnet dem mit Komplexität und Widersprüchlichkeit – Eigenschaften, die auch die Frauenfiguren auf ihrem neuen Album Al Jamilat auszeichnen.

„Ihr Name ist Yasmine, sie wird bald berühmt sein“, so stellte Jim Jarmusch die libanesische Sängerin Yasmine Hamdan 2013 in seinem Film Only Lovers Left Alive der Weltöffentlichkeit vor – eine bestens kalkulierte self fulfilling prophecy. „Der Film hat es mir ermöglicht, mich einem anderen Publikum zu zeigen, die Grenzen der Genres zu überschreiten“, sagt sie heute. Komme man nämlich aus einer bestimmten Region und singe in einer bestimmten Sprache, werde man schnell in eine Schublade gesteckt. In Hamdans Fall sind die Sprache Arabisch und die Schublade Weltmusik. „Allein der Begriff hat etwas diskriminierendes. Er bezeichnet quasi alle Künstler, die nicht auf Englisch singen.“

Dabei klingt Hamdans Musik nach hochmodernem, globalisiertem Pop, einer Mischung aus arabischen Klängen, TripHop- und Electronica-Elementen, Folk- und Indie-Anleihen. Zu Zeiten ihrer ersten Band Soap Kills wie auch ihres Solodebüts Ya Nass im Jahr 2013 sorgte ein derartiger Sound noch für Probleme: „Bevor ich nach Europa kam, wusste ich gar nicht, dass solche Musik Weltmusik sein soll. Ich habe es einigen Menschen nicht leicht gemacht, weil ich nirgendwo hingepasst habe. Für die Marketing-Leute war das natürlich schwierig: ‚Du singst auf Arabisch, aber die Musik ist keine Weltmusik, jetzt haben wir ein Problem.‘ Da gab es einige absurde Konversationen.“

„Für Marketing-Leute war das natürlich schwierig: ‚Du singst auf Arabisch, aber die Musik ist keine Weltmusik, jetzt haben wir ein Problem.‘ Da gab es einige absurde Konversationen.“

Nach dem Erfolg mit Ya Nass, spätestens aber mit dem von Jim Jarmusch geförderten internationalen Durchbruch muss Hamdan solche Gespräche nicht mehr führen. Stattdessen hat sie nun ein neues Problem: Sie hat kaum mehr Zeit. Das ständige Touren und Eingespanntsein in verschiedene Projekte führten dazu, dass Hamdan sich unterwegs für die Arbeit am zweiten Album Zeit zusammenklauben musste. So entstand Al Jamilat in Hotelzimmern, Zügen, Flugzeugen, später in Studios in New York, Paris, Beirut und London. „Vieles wurde im Zustand der Bewegung geschaffen, und in den Songs steckt auch extrem viel Bewegung. Es war sehr interessant, an einem Song zu arbeiten, dann in eine andere Stadt zu reisen und ihn dort wieder anzuhören. Jede Stadt gab mir einen anderen Sinneseindruck. Manche Städte sind wärmer, manche kälter. So konnte ich auf eine Weise die Temperatur der Songs finden. Und natürlich hat vieles von dem, was in den Songs steckt, mit dem Input zu tun, der von den verschiedenen Musikern kam, die ich in diesen unterschiedlichen Ländern getroffen habe.“ Darunter sind unter anderem Ex-Sonic-Youth-Schlagzeuger Steve Shelley, der New Yorker Jazzbassist Shahzad Ismaily und die kanadische Violinistin Magali Charron.