Marlon James – Kein Außerhalb von colour

Foto: Felix Clay

Jamaika, 1976: Bandenkriege, Interessenskonflikte der beiden rivalisierenden Parteien und dazwischen das Attentat auf Bob Marley. In seinem 2015 veröffentlichten Roman Eine kurze Geschichte von sieben Morden, der nun auf Deutsch erscheint, entwirft der jamaikanische Autor Marlon James ein komplexes Dickicht aus Dialekten, Drogen und Gewalt und mischt dabei locker 400 Jahre black history mit Weltgeschichte.

Der Titel täuscht – kurz ist diese Geschichte nicht. 853 Seiten und etwa alle sieben Seiten ein Mord. Oder sieben. Oder mehr. Der wichtigste Mord bleibt unvollendet und ist nicht fiktiv: Am 3. Dezember 1976 wird Bob Marley in seinem Haus in Kingston von gunmen überfallen. Er kommt mit leichteren Schusswunden davon, seine Ehefrau Rita und Manager Don Taylor werden schwer verletzt. Der Überfall ist Dreh- und Angelpunkt von Marlon James’ Roman Eine kurze Geschichte von sieben Morden. Marley wird nicht beim Namen genannt, er bleibt „der Sänger“. Um den Anschlag auf ihn ranken sich wilde Verschwörungstheorien. Die plausibelste: „Smile Jamaica“ sollte verhindert werden. Unter diesem Titel fand am 5. Dezember 1976 – zwei Tage nach dem Überfall – ein sogenanntes Friedenskonzert als Fanal gegen die rasend eskalierende politische Gewalt im Land statt. Headliner: Bob Marley. Initiiert wurde das Konzert von der damals regierenden People’s National Party PNP, die mit ihrem sozialdemokratischen Kurs und Kontakten zu sozialistischen Staaten im Kalten Krieg den Argwohn der CIA auf sich zog. Der US-Geheimdienst unterstützte dagegen die oppositionelle, rechtsliberale Jamaican Labour Party JLP. Beide, CIA und JLP, hatten also ein ebenso handfestes Interesse, das Friedenskonzert zu verhindern wie die Dons von Copenhagen City. Copenhagen City heißt im echten Kingston Tivoli Gardens und ist das Getto, das von der PNP kontrolliert wird. Die JLP regiert in Eight Lanes, real Matthews Lane. 1976 ist Jamaika tief gespalten, die beiden Parteien teilen das Land unter sich auf, wer die Macht hat, beherrscht auch den Drogenhandel, der von den rivialisierenden Gangs aus den Gettos organisiert wird. Dort ist Bandenkrieg Alltag, Copenhagen City gegen Eight Lanes, die ebenso korrupte wie brutale Polizei gegen alle, ein Außerhalb existiert nicht. „Ich kenne niemanden, der nicht zur einen oder anderen Partei gehört“, sagt Bam Bam, Mitglied der Copenhagen City Gang.

James begnügt sich nicht damit, die pop-induzierten Bilder von Jamaika zu dekonstruieren, sondern dekonstruiert gleich noch die Bedingungen dieser Dekonstruktion mit.

Bob Marley hebt gerade ab in Richtung Weltkarriere – Rockifizierung des Sounds für den weißen Markt inklusive. In seinem Haus gehen sie ein und aus: Politiker, Gangster, Groupies, Journalisten, Huren, Musikindustrieleute, Abstauber aller Art. Angeblich ist ihm die PNP sympathischer, offiziell bleibt er neutral. Aber ein Frieden, so viel ist klar, würde das System – in Rasta-Lingo das shitstem mit seinen politricks – aus den Angeln heben. Also lautet der unausgesprochene Auftrag für die Dons von Copenhagen City: Vernichte jede Bewegung im Namen Jahs, und die Amerikaner müssen keine Angst mehr haben, dass Jamaika sich in Kuba verwandelt.

Jah steht für den befreiungstheologisch-antiimperialistischen Kampf gegen das shitstem Babylon. Jahs Jünger sind auch innerhalb Jamaikas geächtet – von der weißen upper class wie vom säkular-liberalen Mittelstand, der sich gen USA orientiert. Und nicht alle Rastas bleiben beim ganja. Kokain überschwemmt die Insel, alles wird schneller und härter. Das ist die hyperkomplexe Ausgangslage für Marlon James’ hyperkomplexen Roman, der alle Preise dieser Welt verdient hätte, den Man Booker Prize hat er immerhin schon. James entwickelt daraus einen, sagen wir: Panoroman. Panoroman, weil er sich nicht damit begnügt, die gängigen Bilder, die pop-induziert von Jamaika kursieren, zu dekonstruieren, sondern gleich noch die Bedingungen dieser Dekonstruktion mitdekonstruiert, und dabei locker vierhundert Jahre Weltgeschichte reinmixt, von Sklavenschiffen bis Nation Of Islam, von Scarface bis Night Nurse, von Reggaemultiplikatoren zu Reggaeexploitern, ohne Stevie Wonder, Batty Boy George oder Mick Jagger eindeutig einer der Kategorien zuzuordnen. Jagger geistert als Weißbrot (oder Gips- und Kalkleiste) durch Kingstons safe spaces für Hochprivilegierte und jagt „schwarze Pum Pum“. Die Stones machen in Reggaetourismus und covern „Cherry Oh Baby“.

So wie es kein Außerhalb von gang wars gibt, so gibt es kein Außerhalb von colour. Hautfarbe und Haare, race und gender markieren Herkunft und Status und werden aufs Konkretistischste benannt. „Diese Hinterbacken wird sie nicht mehr loswerden, die sind auch ihrer Mutter immer geblieben. Wenigstens ist sie hell wie ihre Mutter. Keine Zukunft für dunkle Mädchen in Jamaika, trotz all diesem Black-Power-Bullshit.“ Im Unterschied zu „Nigger“ sind „Naigger“ ungebildete Jamaikaner oder Hellhäutige. Auch Marley ist nicht schwarz, er hat einen weißen Vater. „Syrer“ sind laut Glossar „Jamaikaner nahöstlicher Herkunft“, wer aus Indien oder Ostasien kommt ist ein „Coolie“. Sinnvollerweise behalten Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze, die die eigentlich unlösbare Aufgabe übernommen haben, dieses Dickicht aus Dialekt, Soziolekt, Patois, Gang-Slang und Rasta-Talk ins Deutsche zu übertragen, viele Originalausdrücke bei. „Manchmal glaub ich, ein halber Coolie zu sein ist schlimmer als eine Schwuchtel. Diese braune Haut, ein Mädchen hat mich mal angeschaut und gesagt, wie schade, dass Gott mir so schönes Haar geschenkt hat und mich dann mit dieser Haut gestraft hat. Die Schlampe hat gesagt, meine dunkle Haut erinnert sie daran, dass meine Vorfahren Sklaven waren. Und ich hab geantwortet, ich hab auch ’ne schlechte Nachricht für dich. Denn deine helle Haut erinnert mich daran, dass deine Urgroßmutter vergewaltigt worden ist.“ In der Sklaverei hat auch die krasse Homophobie ihre Urgründe. Davor ist Marlon James, 1970 als Polizistensohn in Kingston geboren und selbst schwuler batty boy, nach Minneapolis geflüchtet. „Die Puerto Ricaner glauben auch nicht, dass ein Arschfick oder sich einen blasen lassen sie gleich zu Schwulen macht. Nur wenn du gefickt wirst, bist du eine verdammte Schwuchtel.“ So rationalisiert der batty boy-Gangster Weeper im Kapitel „White Lines / Kids In America“ seine Selbstskrupel, Selbstzweifel und den schwulen Selbsthass. James gönnt ihm dann doch ein vorübergehendes Happy End: eine verbotene Liebe.

Marlon James
Eine kurze Geschichte von sieben Morden
Heyne Hardcore
Übersetzt von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze

Dieser Text ist wie viele weitere Features und Interviews in der Printausgabe SPEX No. 373 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

  • Jude Mashel

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