Hendrik Otremba „Über uns der Schaum“ / Review

Hendrik Otremba, Foto: privat

Kann uns die Dystopie vor der Wiederholung der Geschichte und der Aufarbeitung alter Symboliken schützen? In Über uns der Schaum versetzt Hendrik Otremba eine Neo-Noir-Detektivgeschichte in ein apokalyptisches Zeitalter. Der Roman erscheint am 13. März im Verbrecher Verlag.

So geht’s bei Detektiven. Hendrik Otremba, bekannt als Frontmann der Band Messer, konstruiert in seinem Debütroman eine Tristesse, die auf der Suche nach ihrer Vergangenheit ist. Im Zentrum steht dabei der Privatdetektiv Joseph Weynberg, der vom todkranken Konzerntycoon Gustav Lang den Auftrag bekommt, Maude Anandin zu observieren. Doch Weynberg hat eigene Probleme: Das heroinähnliche Portobin, das ihn in eine Abhängigkeit drängt. Der saure Regen, der es der Menschheit unmöglich macht, ein unbeschwertes Leben zu führen. Und Hedy, Weynbergs verstorbene Liebe. Als sich dann auch noch seine Moral einschaltet, steht der Katastrophe nichts mehr im Weg. Die Zukunft ist grau, doch woher kommt diese Vergangenheit?

Otremba setzt uns mitten in einer futuristischen Idee einer Gesellschaft am Rande ihrer emotionalen Fähigkeiten aus. Chaos und Brachlandschaften beherrschen die Vororte, das gesellschaftliche Leben scheint völlig eingestellt. Trotzdem, so wirkt es, muss Weynberg die Stadt erst verlassen, damit die Geschichte ihre eigene Farbe bekommt. Die Trope des Detektivromans zu Beginn ist so schwarz-weiß und breitgetreten wie die Filme von Edgar Wallace. Doch schnell wird Weynberg dazu gezwungen, von Liebe und Libido getrieben, die Flucht anzutreten. Es entwickelt sich ein Roadtrip der Sonderklasse, ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen verwilderten Straßenzügen, mystischen Quellen aus Bracklagunen und dem heiligen Ziel: die Stadt Neu-Qingdao.

Es wird geballert und geprügelt, geschockt und verraten. Und trotzdem entfaltet die Geschichte einen fragilen Kosmos, der unsere Vorstellungen von Apokalypse dekonstruiert.

Hier löst sich Otremba von seiner beschwerten Sprache und beginnt, einen Helden zu zeichnen, der im Kampf gegen die Gier und die Rache so tragisch wird wie Leonardo DiCaprio als Hugh Glass in The Revenant. Es wird geballert und geprügelt, geschockt und verraten. Und trotzdem entfaltet die Geschichte einen Kosmos, der durch seine Fragilität an Planet Magnon von Leif Randt erinnert und dabei unsere Vorstellungen von Apokalypse dekonstruiert. Stringenter könnte es dabei kaum zugehen. Immer wieder zieren einzelne Sentenzen aus Messer-Songs als Mottos die Kapitel, und so bildet sich ein Otremba-Oeuvre, das vernetzt und Halt gibt.

Denn die Geschichte um Hedy, die zermürbenden Traumsequenzen, die Frage nach der Ursache der Strahlungsgefahr, die plötzlich auftauchende Vorstadtbewohnerin mit dem Namen „Eindruck“ und die nachträglich eingefangenen Bewusstseinsströme der verstorbenen Figuren machen aus diesem Roman ein Spiegelkabinett der Wahrnehmung. Dass Otremba dabei sprachlich hin und wieder in aphoristische Kühle abrutscht und alles zunehmend grauer wird, ist nur wenig Sand im Getriebe. Hier geht es um Größeres: Die Welt ist hinter sich selbst her. Doch: Wer jagt eigentlich wen? So geht’s bei Otremba.