Laura Marling: „Semper Femina“ / Review

Künstlerische Reife mit Hang zur sympathischen Schnapsidee: Laura Marling nähert sich auf Semper Femina dem „launenhaften und wandelbaren Wesen Frau“.

Nicht jeder würde sich trauen, das römische Quasi-Nationalepos Aeneis auf einen Satz zu reduzieren, und diesen dann auch noch auf zwei Wörter zurechtzustutzen. Laura Marling schon. Der Grund für die Dezimierung ist allerdings rein praktischer Natur: Der ganze Schinken passt schlichtweg nicht auf den eher überschaubaren Platz, den die Britin für ihr Fangirl-Tattoo vorgesehen hatte. Statt „Varium et mutabile semper femina“ („Eine Frau ist ein stets launenhaftes und wandelbares Wesen“), steht jetzt die Kurzversion Semper Femina auf ihrem Bein. Übersetzt: für immer eine Frau.

Diese Maxime galt ebenso schon während ihrer selbsternannten „maskulinen Phase“, eingeläutet von vom 2015 erschienenen Album Short Movie. Marling kletterte damals im Rahmen einer Art Ego-Renaissance auf Bäume und lief barfuß durch den Wald im kalifornischen Big Sur, Details nachzuhören im Song „Wild Once“. Die Nähe zum Holz kultivierte sie schon auf ihrem Debütalbum Alas, I Cannot Swim – in Form von Klampfen-Kleinoden, die im Laufe von sechs weiteren Alben in acht Jahren immer elaborierter wurden. Die Arrangements gleichen mittlerweile feinsten Intarsienarbeiten aus couragiertem Kontrabass, sanft federnder Percussion, erhabenem Piano und geradezu cineastischen Streichern. Den Folk im Fokus, aber Jazz und Blues stets in Hörweite.

„Soothing“, die Vorabsingle von Semper Femina, erreicht trotz ungewohnter Kantigkeit maximale Eindringlichkeit. Mit der gleichen Intensität widmet sich die Künstlerin auch ihrem lyrischen Leitthema der Feminität, das persönlich wie auch gesellschaftlich nicht selten zu einem Leidthema werden kann. Als Gegenmaßnahme produziert Marling seit August 2016 den Podcast Reversal Of The Muse, für den sie bemerkenswerte Frauen aus der Musikindustrie interviewt. Die neun Stücke auf Semper Femina sprechen indes mit fester, selbstbewusster Stimme für sich, nie unter vier Minuten. Sie haben aphorismentaugliche Texte, angenehm fließende Melodien und trotz aller Reife auch ein paar sympathische Schnapsideen parat, etwa die abenteuerliche Taktart von „The Valley“. Das stets launenhafte und wandelbare Wesen kommt auch untätowiert zur Geltung.