Vagabon – Welten aus Wolldecken

Laetitia Tamko bleibt am liebsten zu Hause. Problem: Davon gibt es so viele. Um zu begreifen, dass die in Kamerun geborene Programmiererin eigentlich eine New Yorker Musikerin ist, musste sie losziehen und ihr erstes Album ein zweites Mal aufnehmen.

In der Popkultur wie im wahren Leben war es noch nie eine Frage, ob sich der Freiheitstraum von selbst erledigt, sondern nur eine Frage der Zeit. Wer zu viel Wüstenstaub atmet, ist sowieso irgendwann am Arsch. Bleibt die Wahl zwischen Lungengeschwulst (Robert Louis Stevenson) und Desert Rock (Wolfmother). Trotzdem gibt es schlechtes Timing und schlechtes Timing und Laetitia Tamko alias Vagabon hätte sich wahrscheinlich keinen beschisseneren Zeitpunkt für ihre Globetrotter-Propaganda-Musik aussuchen können. Während wir über Aufbruch reden, wird in der echten Welt längst ernst gemacht. In Berlin reißt ein Amokläufer zwölf Menschen in den Tod, in Ankara wird der russische Botschafter erschossen und irgendwo mit Sicherheit ein Schwarzer von einem weißen Cop vermöbelt, weil die Sache mit der Freiheit komplizierter ist als einmal die Route 66 hoch und runter. Schlechte Vibes für gute Aussichten. Sprechen wir also später über Perspektiven.

„Schau mich doch an! Was ich durch meine bloße Anwesenheit in dieser Welt repräsentiere, ist ein politischer Akt“, sagt Laetitia Tamko, und dass es nicht ihre Entscheidung gewesen sei. „Ob ich will oder nicht, ich bin, was ich bin.“ Tamko ist verwurzelt in Kamerun und beheimatet in einer Wohnung aus Wolldecken in Brooklyn, die sie nur zum Buttonsbasteln mit Frankie Cosmos verlässt, einer anderen New Yorker Songschreiberin, die von all dem da draußen singt und am liebsten drinnen bleibt. „Es ist einfach, sich zu verstecken, aber mehr als nachvollziehbar“, erklärt Tamko angesichts der lebenslangen Kämpfe, die auf offener Straße warten – oder wenn man den Fernseher anschaltet. „Das hat ja nicht erst mit Trump angefangen. Die Menschen sind müde. Ich bin müde. Ich würde am liebsten den ganzen Tag Lieder aufnehmen und niemals mein Gesicht zeigen. Aber mein Gesicht steht stellvertretend für das, was ich in der Musikszene sehen möchte. Es ist meine verfluchte Aufgabe, über meinen Schatten zu springen.“

„Ich würde am liebsten niemals mein Gesicht zeigen. Aber mein Gesicht steht für das, was ich in der Musikszene sehen möchte. Es ist meine verfluchte Aufgabe, über meinen Schatten zu springen.“

Es gibt Hautfarbe, Geschlecht und Väter, die African Jazz lieben, aber ihre Kinder noch mehr, und nur das Beste wollen, wenn sie die Tochter in einen Studiengang für technische Informatik stecken. Und es gibt Entscheidungen, die man treffen kann. „I’ve been hiding in the smallest places (…) but I think I changed my mind“, singt Tamko Jessica Lea Mayfield in einem Song an die Wand, der vor drei Jahren als Zahnspangen-Rock-Stück „Vermont II“ geschrieben und nun als elektronisch angedickte Empowerment-Hymne „Fear & Force“ auf einem Album voller Empowerment-Hymnen veröffentlicht wurde. Infinite Worlds ist nicht nur eine Gitarrenplatte, die gleichzeitig Ambient-, Spoken-Word- und die Emo-Platte ist, für die American Football immer zu männlich waren. Es ist vor allem die Entscheidung gegen Programmiercodes und für Let’s-drum-DVDs, gegen die Angst und für eine Stimme, die viele Geschichten in vielen Sprachen und von der schlichten Erkenntnis erzählt, dass Freiheit auch die Freiheit ist, zu Hause zu bleiben – ankommen aber nur möglich, wenn man sich auf den Weg macht. Die paar Blocks rüber zu Frankie mögen lächerlich wirken. In einer Welt wie dieser sind sie eine verdammte Herausforderung.

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX No. 373 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here