Album der Ausgabe: The Magnetic Fields „50 Song Memoir“ / Review

Weder regressive Nostalgie noch Banalitäten narzisstischer Selbstbespiegelung: Stephin Merritts postdramatischer signature-Brumm dürfte nicht nur bei Magnetic-Fields-Fans ein Gefühl der Behaglichkeit aufrufen.

Für Leute wie Stephin Merritt alias The Magnetic Fields wurde wahrscheinlich das fürchterliche Wort „Kult“ erfunden. Tatsache ist: Noch als silver ager bewegt sich der amerikanische Songwriter irgendwo zwischen Romantik und Schnapsidee. Auf 50 Song Memoir präsentiert Merritt 50 Songs über 50 Jahre Stephin Merritt und lebt wieder einmal sein schrulliges Plaisir für Konzeptalben aus – siehe Distortion (mit verzerrten Gitarren) oder das längst legendäre 69 Lovesongs (mit 69 Liebesliedern). Von 1965 bis 2015 gibt es zu jedem Lebensjahr ein Lied, und schnell gerät man hinein in einen Sog aus Erinnerungen, wobei diese – wie jeder aus eigener Erinnerung weiß – zugleich wahr und erfunden sind. Hier wird keine Leidensgeschichte erzählt und auch keine Coming-Out-Story. Sexualität und Wahrheit interessieren Merritt nicht, sein Schwulsein thematisiert er nur peripher. Es geht unter anderem um doofe Lover der Mutter, Lehrer und Journalisten (der 2006er-Song thematisiert absurde Rassismusvorwürfe gegen den Musiker).

Das Leib- und Magenthema der zweieinhalb Stunden ist aber Popmusik an sich und wie sie das Leben zum Kunstwerk formt. Merritt rekonstruiert sich als jemanden, der durch fanfiction mit all ihren Überidentifikationen, Überempfindlichkeiten und Übersprungshandlungen zu dem wurde, was er darstellt. „It Could Have Been Paradise“ (1973) ist ein ergreifender Song über die vorauseilende Melancholie des Jugendlichen und „Foxx And I“ (1983) handelt davon, wie selbstermächtigend Mimikry sein kann. Seit er 16 ist, wolle er der ehemalige Ultravoxx-Sänger John Foxx sein, erklärt Merritt in einem ellenlangen Interview mit Daniel Handler im beigefügten Booklet. Die pathetische Rede von Pop als lifesaver offenbart auf 50 Song Memoir ihren pragmatischen Sinn. Und dies, gerade weil Merritt keine Reise in eine ergriffene Innenwelt antritt, sondern sich selbst wie ein Ethnologe von außen betrachtet und die Figur Stephin Merritt im Kontext der sie prägenden Einflüsse durchdekliniert. Orte des Begehrens wie die legendäre New Yorker Danceteria können das Leben ändern, aber auch eine Reise ins London der New Romantics.

Merritts anglophiles Songwriting schwelgt im Unprätentiösen und platziert Genialität so verschwenderisch, als sei sie im Überfluss vorhanden (was sie ja auch ist).

Man mag es mal wieder kaum glauben, wie unglaublich produktiv diese Ein-Mann-Hitfabrik ist. Merritts anglophiles Songwriting schwelgt im Unprätentiösen und platziert Genialität so verschwenderisch, als sei sie im Überfluss vorhanden (was sie ja auch ist). Die über 100 Instrumente, die im Booklet buchhalterisch aufgelistet sind, erzeugen einen changierenden Klangzusammenhang, in dem selbst bei gesteigertem Produktionsperfektionismus der Homerecording-Charme des Vorläufigen erhalten bleibt. Der Trickster Stephin Merritt setzt Vintagesounds natürlich nie illustrativ ein. 1966 klingt bei ihm nicht wie 1966, 1977 nicht wie 1977, 1988 nicht wie 1988, obschon die Sounds dieser Jahre – Barockpop, Punkrock, House – alle irgendwie vorkommen. Das individuelle (Pop-)Leben schreitet schließlich genauso wenig linear voran wie die (Pop-)Geschichte im Ganzen. Merritt zelebriert die Unschärfen und täuscht Buchstäblichkeiten höchstens an, etwa wenn er in „How To Play The Synthesizer“ (1981) Faxen mit der Maschine macht oder Armut in einer maskenhaften Pseudo-Reggae-Nummer anprangert („Haven’t Got A Penny“, 1994). Sowieso nie zu überhören ist, dass Merritt mit New Wave und Zitatpop, Human League und The Associates, groß geworden ist, und der Minimalismus der Young Marble Giants für ihn mehr war als eine musikalische Blaupause, nämlich eine Art, die Welt zu sehen.

Der Wegweiser in diesem Zeichengewirr ist selbstredend Merritts herrlich sonore Stimme. Der postdramatische signature-Brumm dürfte nicht nur bei den vielen Magnetic-Fields-Fans ein Gefühl der Behaglichkeit aufrufen. Die entspannte Miesepetrigkeit dieses Gesangs gibt der Pop-Emphase zudem einen dialektischen Dreh, indem sie diese zu dementieren scheint. Merritts opulentes Meisterwerk bleibt damit vor regressiver Nostalgie genauso gefeit wie vor den Banalitäten narzisstischer Selbstbespiegelung.

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