Certain Women – Filmfeature zum Kinostart

Mythischer Blick in mythischer Landschaft – Lily Gladstone in Certain Women
Mythischer Blick in mythischer Landschaft – Lily Gladstone in Certain Women

In ihrem Star-besetzten Episodenfilm entfaltet Kelly Reichardt wieder ihre ureigene Filmsprache: wie aus der Zeit gefallen und ungemein literarisch. Certain Women läuft ab heute im Kino.

Zu Beginn ein uramerikanisches Bild: eine Eisenbahn auf ihrer Fahrt durch eine unberührte Landschaft. Es ist einer dieser ewig langen, laut ratternden Güterzüge, wie man sie auch aus James Bennings Eisenbahnfilm RR kennt und die ein Gefühl vermitteln für das, was Zeit und Raum jenseits der urbanen Metropolen Amerikas bedeuten. Das Tempo ist träge in Livingston, Montana, dem Schauplatz der nur peripher verknüpften Geschichten über vier Frauen, die Kelly Reichardt von Kurzgeschichten Maile Meloys adaptiert hat.

Mit seinen angestaubten Hotels und Diners, den menschenleeren Straßen und Parkplätzen, wirkt Reichardts auf schön körnigen 16 mm gedrehter Film vordergründig aus der Zeit gefallen – und die visuellen Referenzen finden sich tatsächlich in den Sechziger- und Siebzigerjahren: bei den Fotografien Stephen Shores etwa und den Porträts der Malerin Alice Neel. Dabei ist Certain Women in seiner feinen Zeichnung von sozioökonomischen Differenzen und Geschlechterrollen doch ganz Gegenwartsfilm. Es geht um die Bruchlinien zwischen Tradition und modernem Lifestyle, zwischen amerikanischer Mythologie und der unausweichlichen Realität der Lebensverhältnisse.

Mythischer Blick in mythischem Gefährt – Michelle Williams in Certain Women
Mythischer Blick in mythischem Gefährt – Michelle Williams in Certain Women

Eine Atmosphäre der Einsamkeit umhüllt die Anwältin Laura (Laura Dern), die Pferdepflegerin Jamie (Lily Gladstone), die Abendschullehrerin Beth (Kristen Stewart) und Gina, eine Frau und Mutter auf der Suche nach dem authentischen Leben (Michelle Williams). Reichardt erzählt zum einen über Landschaften und Räume, zum anderen über Blicke – es sind Blicke voller Erwartung und unerfüllter Hoffnung, Blicke, die nicht oder „falsch“ beantwortet werden. Man kennt diese Art von charismatischen Loner-Figuren eigentlich eher aus dem „Männerfilm“ – Reichardt arbeitet da ganz im Stillen und ohne ideologischen Auftrag an einer Verschiebung. Etwas immerhin tröstet über die Einsamkeit der Frauen hinweg: Es entsteht eine subtile Verbindung zwischen den „certain women“, mögen sie auch nichts von der Existenz der anderen wissen.

Certain Women
USA 2016
Regie: Kelly Reichardt
Mit Laura Dern, Lily Gladstone, Kristen Stewart, Michelle Williams u.a.

Dieser Beitrag ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 373 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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