Hans-Joachim Roedelius „Roedelius – Das Buch“ / Review

Fragmente aus dem Leben einer Kraut-Legende: Auch in seiner Autobiografie umgeht Hans-Joachim Roedelius konventionelle Formatvorstellungen. „Roedelius – Das Buch“ ist im Eigenverlag erschienen.

An vorgegebene Formen hat sich Hans-Joachim Roedelius künstlerisch nie gehalten. Das gilt auch für die Autobiografie des heute 82-jährigen Mitweichenlegers von Kraut und generell elektronischer Musik, dessen musikalische Laufbahn als DDR-Flüchtling in Westberlin begann. Dort gründete er die Band Cluster und schenkte der subkulturellen Szene als Mitgründer des Zodiak Free Arts Lab ein Forum für experimentelle Live-Kompositionen. In seinen Memoiren umgeht er konventionelle Formatvorstellungen, indem er Fragmentarisches wie lyrische Skizzen, musiktheoretische Entwürfe sowie Interviews und Kritiken in die zum Teil lose Gesamterzählung einbettet. Wirklich chronologisch ist nur die Auflistung seiner Knochenbrüche geraten.

Roedelius schreibt weder aus sicherer Distanz noch aus dem luftleeren Raum heraus.

Ohne feste Gliederungsrahmen erinnert sich der frühere Krankenpfleger an die bis dato wichtigsten Kapitel seines Lebens. Am einnehmendsten sind die Passagen, die sich seiner mehr als zweijährigen Gefangenschaft in der DDR widmen. Ebenso berühren auch die beinahe beiläufig gezeichneten Porträts der großen Konzeptkünstler Brian Eno und David Bowie, denen er abseits aller Rollenspiele und medialer Spektakel begegnet ist. Das Charakteristische: Roedelius schreibt weder aus sicherer Distanz noch aus dem luftleeren Raum heraus, seine Geschichte lädt er hin und wieder im Sinne Walter Benjamins mit „Jetztzeit“ auf. So philosophiert er über Vorhersehung und übt gleichzeitig Kritik am gierigen Neoliberalismus. Im Resümee heißt es: „Ich habe nämlich im und vor allem jetzt nach dem Abschluss der Arbeiten an diesem Buch den Eindruck gewonnen, dass ich nicht mehr derjenige bin, der ich zu Beginn dieser Arbeiten noch war, obwohl ich zu allem Geäußerten vollinhaltlich stehe.“ Vielleicht verliert er deswegen auch mitunter den roten Faden. Das ist entschuldigt. Eines ist Roedelius als Autodidakt eben fremdgeblieben: eine strenge Form.

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