Moonlight – Filmfeature zur Oscar-Verleihung

Muss man sich den ansehen? Ja. Alex Hibbert in Moonlight
Muss man sich den ansehen? Ja. Alex Hibbert in Moonlight

Am Sonntag werden in Los Angeles zum 89. Mal die Academy Awards verliehen. Neben dem Abräumer-Musical La La Land ist das zarte Coming-of-Age-Drama Moonlight von Barry Jenkins mit acht Nominierungen mehr als ein Geheimtipp. Der Film läuft ab 9. März in den deutschen Kinos.

Der junge Chiron hat die besten Voraussetzungen, um gemobbt zu werden: Er ist still und schmächtig, seine Mutter hängt an der Crack-Pfeife und verkauft ihren Körper, um an die Rocks zu kommen, der Vater: weg. Und Chiron ist schwul. Barry Jenkins’ Moonlight erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte über fast zwei Jahrzehnte, basierend auf einem Theaterstück von Tarell Alvin McCraney und versetzt mit autobiografischen Elementen. Das erinnert an Richard Linklaters Boyhood, allerdings spielt Moonlight im Ghetto von Miami. Es werden Knochen gebrochen, Waffen gezückt, Blut spritzt.

Muss man sich das ansehen? Ja. Zum einen, weil einem Chirons Horrorkindheit nahegeht. Das liegt an langen Close-ups und am klugen Einsatz von Ton, gerade in den Gewaltszenen: Wenn Chirons Mutter (Naomie Harris) den Sohn im Crack-Wahn anbrüllt, dreht Jenkins ihr den Saft ab. Man sieht einen zur Fratze verzogenen, weit aufgerissenen Mund, ihre Schreie hört man nicht. Stattdessen wechseln sich Hip-Hop-Beats mit Klassikklängen ab, komponiert von Nicholas Britell. Der schrieb schon die Musik für The Big Short.

Gleich wird die Traurigkeit weggespült – Strandszene aus Moonlight
Gleich wird die Traurigkeit weggespült – Strandszene aus Moonlight

Dass Chiron glaubwürdig rüberkommt, ist umso erstaunlicher, da er von drei Schauspielern gespielt wird – als Kind (Alex Hibbert), als Jugendlicher (Ashton Sanders) und als Erwachsener (Trevante Rhodes). Sie alle haben ihn drauf: den würdevollen, stumm anklagenden Blick, wenn Chiron mal wieder als Schwuchtel beschimpft und verprügelt wird. Von Mitschülern, von seiner Mutter und sogar von seiner ersten – und einzigen – Liebe.

Was an Moonlight aber richtig knallt, ist die Ästhetik des Films: Seine Farbenpracht lässt die Netzhaut erzittern. Jenkins nennt sie einen „Fiebertraum“. Das Ghetto leuchtet in satten Grüntönen – okay, wir sind in Miami, überall stehen Palmen herum, aber Problemviertel stellt man sich irgendwie anders vor. Und dann ist da noch das Meer: Sein strahlendes Blau schafft es, die ganze Traurigkeit wegzuspülen. Im Meer fühlt sich Chiron frei. Und hier verliebt er sich. Am Strand, im Mondschein.

 
Moonlight
USA 2016
Regie: Berry Jenkins
Mit Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali, Janelle Monáe u.a.

Dieser Beitrag ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 373 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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