Mohamed Amjahid „Unter Weißen” / Review

Mohamed Amjahid, Foto: Götz Schleser

„Wenn du nicht weiß bist, hast du im Land der Weißen schon verloren”, sagt Mohamed Amjahids Mutter. Im Frankfurt der Achtzigerjahre haben sie und ihre Familie am eigenen Leib erfahren, was es heißt, in Deutschland nicht-weiß zu sein. Unter Weißen zeigt Alltagsrassismus und Diskriminierung in der Mitte der Gesellschaft und fordert das Selbstbild des toleranten, offenen Deutschen heraus. Das Buch ist im Carl Hanser Verlag erschienen.

Im „Land der Weißen” – das klingt verstörend archaisch. Man mag an Karl May denken, an Abenteuerfilme, romantisch-verklärte Relikte des Kolonialismus. Sprache und die Bilder, die sie hervorruft, spielen eine große Rolle, wenn Amjahid in seinem Buch Unter Weißen über Alltagsrassismus und internalisierte Privilegien in Deutschland schreibt. Dabei leiht er sich zum Beispiel Begriffe wie people of colour aus dem amerikanischen Diskurs. Die Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung ist dort ausgereifter und differenzierter als hierzulande, was sich insbesondere darin zeigt, dass uns die Sprache fehlt, um über diese Themen angemessen zu sprechen.

Begriffe für die Diskussion zu finden, die in Deutschland so dringend in größerem Rahmen stattfinden sollte, ist einer der Gründe, warum Unter Weißen im Jahr 2017 ein wichtiges Buch ist. Mohamed Amjahid, geboren 1988 in Frankfurt am Main, wuchs ab dem siebten Lebensjahr in Marokko auf, bevor er zum Studium nach Deutschland zurückkehrte. Obwohl er als politischer Reporter des Zeit Magazins häufig unfreiwillig als „Integrationsbeispiel” herhalten muss, sieht er sich aufgrund seines Aussehens Diskriminierung ausgesetzt. Diese Anekdoten aus Amjahids Alltag zeigen, wie weit verbreitet rassistisches Denken in der Gesellschaft ist. Sie sind notwendige und vor allem greifbare Denkanstöße für eine breitere Diskussion.

Amjahid dekonstruiert die sozialen Blasen, innerhalb derer einige sich im Glauben wähnen, dass Rassismus in der deutschen Gesellschaft keine Rolle mehr spiele.

Vieles davon kommt einem schmerzhaft bekannt vor: die Diskussion um das „N-Wort” und die Argumentationsstrategien, welche die weitere Nutzung des Begriffs in Alltagssprache und Literatur legitimieren wollen. Auch das Angstspiel mit dem „schwarzen Mann“ hat einen Gastauftritt, die obligatorische „Du kannst aber gut Deutsch”-Bemerkung und die in Bahn oder Bus festgekrallte Handtasche. Alles schon mal gehört, mag man als Leser vielleicht denken. Aber auch abgehakt? Amjahid zeigt, dass diese Themen eben alles andere als das sind und dekonstruiert die sozialen Blasen, innerhalb derer einige sich im Glauben wähnen, dass Rassismus in der deutschen Gesellschaft keine Rolle mehr spiele, weil das unmittelbare Umfeld ihn überwunden zu haben scheint.

Unter Weißen geht über den Grundkurs Alltagsrassismus hinaus, wenn Amjahid an Konzepte wie den Tokenism heranführt: Es bedeutet, einige wenige der „Anderen” werden dank ihrer Leistung und meist assimiliertem Verhalten als Token in den erwählten Kreis weißer Eliten zugelassen. Zugespitzt kann es passieren, dass „gute Migranten” medienbewusst die Rückständigkeit einer Minderheit anprangern, seien es „die Muslime”, „die Türken” oder „der arabische Mann”, und sich so als Sprachrohr gegen die eigene (migrantische) Gruppe instrumentalisieren lassen – Stichwort: der/die muss es ja wissen. Auch das Othering, die „Andersmachung“ einer Minderheit durch die äußerliche Zuschreibung von einer Mehrheit, findet seine Erwähnung.

Amjahid zieht den Deutschen die gemütlich angewärmte Toleranz-Bettdecke weg – und das in Zeiten, in denen draußen ein rauer Wind weht.

Wichtig ist Amjahid auch die Bewusstmachung von Privilegien, die man in Deutschland aufgrund einer hellen Hautfarbe und dem „richtigen” Nachnamen hat. Es ist zugleich das kniffligste Unterfangen, da niemand gern seinen Erfolg und seine Errungenschaften mit dem Privileg der eigenen Herkunft relativiert sehen möchte. Dennoch muss man sich den Einfluss vor Augen halten, den beispielsweise ein akademisch geprägter Haushalt mit gut sortierter Bildungsbürgerbücherwand auf den Werdegang einer Person hat. Und wie viel härter jemand arbeiten muss, der nicht das gleiche soziale, kulturelle oder schlicht finanzielle Startkapital einer solchen Familie hinter sich hat.

Auffällig ist Amjahids Gelassenheit, die er nicht nur bei der Buchpremiere mit anschließender Diskussionsrunde in der Berliner Werkstatt der Kulturen bewundernswert eloquent zur Schau stellt, sondern die sich auch durch das Buch zieht. Da hinter Alltagsrassismus eben nicht, oder nicht nur die Parolen krakeelenden Kampfnazis stecken, sondern sehr viele, grundsätzlich wohlmeinende Bürgerinnen und Bürger, denen man, gäbe es im Grundschulzeugnis das Fach „Rassismus”, bescheinigt hätte, sie haben sich „bemüht“. Diese vor den Kopf zu stoßen, vermeidet Amjahid, indem er den Diskurs auf eine durchweg sachliche Art und Weise anregt.

Hinter Alltagsrassismus stecken auch grundsätzlich wohlmeinende Bürgerinnen und Bürger, denen man, gäbe es im Grundschulzeugnis das Fach „Rassismus”, bescheinigt hätte, sie haben sich „bemüht“.

Mit Unter Weißen zieht Amjahid den Deutschen die gemütlich angewärmte Toleranz-Bettdecke weg – und das in Zeiten, in denen draußen ein rauer Wind weht. Wenn Angela Merkels Deutschland als letzte Bastion liberaler Werte in der westlichen Welt gefeiert wird, gleichzeitig aber nebulöse Flüchtlingsdeals mit Drittstaaten verhandelt werden. Wenn sich die deutsche Gesellschaft einerseits gerne als tolerant und weltoffen darstellt, andererseits aber der white saviour complex für absurde Szenen am Münchner Bahnhof sorgt.

Letztlich ist Unter Weißen ein Erfahrungsbericht, der soziale Filter aufbricht und Rassismus dort zeigt, wo er passiert, auch wenn ihn manch progressive Teile der Gesellschaft dort nicht mehr sehen wollen, weil es in ihrem Umfeld kein Thema (mehr) ist. Es ist aber auch ein Buch, das gerade die „wohlmeinenden Bürger“ auf unsichtbare, da internalisierte rassistische Strukturen und Mechanismen aufmerksam machen will. Durch die sensible Herangehensweise Amjahids, die hohe Anekdotendichte und die zugängliche Sprache könnte das Buch den Diskurs aus der akademischen Ecke in die Mitte der Gesellschaft bringen. Dort, wo wir ihn am meisten brauchen.

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