Berlinale 2017: Jahrtausendkinder

Neues Kino vor alten Meistern: Julian Radlmaier in seiner Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes
Neues Kino vor alten Meistern: Julian Radlmaier in seiner Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Die Nachwuchssektion Perspektive deutsches Kino der Berlinale drehte sich im Jahr 2017 um die Generation Millennials. Drei der gezeigten Filme – Millennials, Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes und Zwischen den Jahren – erzählen jeweils auf ihre Weise vom Scheitern an der Welt, die Milieus und Rahmenbedingungen könnten jedoch kaum unterschiedlicher sein.

Die Millennials im gleichnamigen Film von Jana Bürgelin stehen exemplarisch für die Lebensentwürfe der titelgebenden Generation: Anne (Anne Berrached), eine erfolgreiche Regisseurin mit unerfülltem Kinderwunsch und wenig Struktur, versucht ihr Leben auf vielen Ebenen zu optimieren. Ihr Mitbewohner Leo (Leonel Dietsche) versucht sich als freier Fotograf. Verlage lehnen seine Bilder ab, seine Affäre hat nie Zeit, ein Freund nutzt ihn für seine eigene Kunst aus.

Obwohl alle in ihrer Clique großes Sendungsbewusstein an den Tag legen, kommuniziert niemand wirklich miteinander. Leo kann im Verlauf des Films nur einmal mit einer Prostituierten wirklich offen sprechen. Die Unterhaltung bleibt für ihn erfüllender als der Sex.

Regisseurin Bürgelin möchte keine packende Geschichte erzählen, sondern in einer Milieustudie die Suche nach Selbstverwirklichung, Individualität und die damit einhergehende Vereinsamung und innerliche Leere einer Generation zeigen. Das ist ihr auf der formalen Ebene durchaus gelungen: Millennials geht nie unter die Oberfläche, reiht schlaglichtartig Momente aus dem Leben der Protagonisten aneinander. So bleibt der Film mit seinem minimalen Plot leider ohne eine einzige echte Wendung oder Erkenntnis und wirkt dadurch so beliebig und belanglos wie die Lebenswege seiner Charaktere.

 
Sehr viel pointierter dekonstruiert Regisseur Julian Radlmaier die Lebensentwürfe von Berliner Künstlern in Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes: Das Arbeitsamt zwingt den Filmstudenten Julian (gespielt von Radlmaier selbst) zur Apfelernte im Brandenburger Umland, sonst drohen Kürzungen bei Hartz IV. Um Camille (Deragh Campbell), eine Studentin mit reichen Eltern und kommunistischen Idealen, zu beeindrucken, deklariert er die Maßnahme als verdeckte Recherche für einen Film im Proletariermilieu.

Julian macht die körperliche Arbeit schwer zu schaffen, die ständigen Debatten seiner neuen Genossinnen und Genossen, die jeden Satz und jede Handlung mit politischer Theorie aufladen, überfordern ihn und entlarven seine Selbstinszenierung schnell als Fassade.

Radlmaier hat erkannt, dass ein bloßes filmisches Abbild eines Berliner Künstlermilieus keine neuen Erkenntnisse oder einen interessanten Film hergeben würde. Die Charaktere inszeniert er im Verlauf des Films komplett übersteigert, nah an der Grenze zum Absurden. Radlmaiers Spiel mit mehreren Meta-Ebenen beginnt schon im Titel und der Besetzung der Hauptrolle mit sich selbst, setzt sich fort mit einem Film im Film und mit Charakteren, die sich ihrer Rollen in einem fiktionalen Werk bewusst sind. Ob der Cast (großteils Laiendarsteller) tatsächlich nicht besser schauspielern kann oder auch das ein bewusst gewähltes Stilmittel ist, bleibt offen – und ist letzten Endes auch egal.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes hat vor allem im mittleren Drittel einige Längen, ist aber in seinem Spiel mit verschiedenen Ebenen, Theorien und filmischen Zitaten oft sehr unterhaltsam und funktioniert als Reflexion über Privilegien, Kunst und Politik.

 
Für den Protagonisten in Zwischen den Jahren von Regisseur Lars Henning spielt Selbstverwirklichung schon lange keine Rolle mehr. Vereinsamung kennt er aber dafür umso mehr: Becker (Peter Kurth) wurde nach 18 Jahren aus dem Gefängnis entlassen und arbeitet als Wachmann bei einer Sicherheitsfirma. Um der Einsamkeit zu entkommen, nimmt er abends seinen Wachhund mit nach Hause. Er hat keine Ambitionen oder Träume, will einfach nur über die Runden kommen.

Beckers erste Szene im Film ist eine deutliche Referenz an Robert de Niro als Max Cady in Martin Scorseses Version von Cape Fear. Anders als bei Scorsese geht in Zwischen den Jahren die Gefahr aber nicht von dem gerade entlassenen Häftling aus: Becker wird von dem gutbürgerlichen Familienvater Dahlmann (Karl Markovics) terrorisiert, dessen Leben er mit seiner Tat zerstört hat. Dass Becker seine Tat zutiefst bereut und darunter leidet, interessiert Dahlmann nicht, er möchte Becker verletzen, so wie er von ihm verletzt wurde.

Zwischen den Jahren ist ganz auf den Schauspieler Peter Kurth zugeschnitten, der Beckers Zerissenheit und das Ankämpfen gegen die in ihm brodelnde Gewalt sehr überzeugend verkörpert. Nicht nur die düsteren Plattenbauten und Eckkneipen des einfachen Kölner Vorstadtmilieus sind gefühlt viele Welten entfernt vom Leben der Berliner Millennials. Als filmische Reflexion darüber, ob und wie Schuld wieder gut gemacht kann, verhandelt Zwischen den Jahren auch ganz andere existenzielle Fragen. In seiner Inszenierung ist er das konventionellste der drei Werke. Und zugleich das spannendste.

 
Millennials
Deutschland 2017
Regie: Jana Bürgelin
Mit Anne Zohra Berrached, Leonel Dietsche, Jan Koslowski, Anna Herrmann u.a.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes
Deutschland 2017
Regie: Julian Radlmaier
Mit Julian Radlmaier, Deragh Campbell, Beniamin Forti, Kyung-Taek Lie u.a.

Zwischen den Jahren
Deutschland 2017
Regie: Lars Henning
Mit Peter Kurth, Karl Markovics, Catrin Striebeck, Leonardo Nigro u.a.