Berlinale-Gewinner On Body And Soul – Traumfleischfabrik

Zarte Zusammenkunft im Winterwald: Still aus On Body And Soul

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi erhält für On Body And Soul den Goldenen Bären der 67. internationalen Filmfestspiele Berlin. Wir finden das traumhaft.

Liebe ist einfach. Man muss sich nur nebeneinander legen, zusammen einschlafen und sich im Traum begegnen. Die Dinge, von denen On Body And Soul (ungarischer Originaltitel: Testről és lélekről) handelt, sind ebenso banal wie außergewöhnlich. Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi macht aus einer Allerweltsgeschichte ein Ereignis von magischer Singularität, sie erzählt die sozialen und psychologischen Bedingungen dieses Wunders mit, und sie wurde dafür bei der Abschlussgala der 67. Berlinale mit dem Goldenen Bären für den besten Film des internationalen Wettbewerbs ausgezeichnet. (Sämtliche Preise gibt es hier im Überblick.)

Es geht um zwei Hirsche im Wald. Zwei Außenseiter im Schlachthaus. Zwei unterschiedliche Bildwelten. Mit diesen kontrastierten Dopplungen macht Ildikó Enyedi auf der ästhetischen und erzählerischen Ebene von Anfang an klar, dass sie herausfinden will, wie zwei Verschiedene letztlich doch in eins finden.

Die Regisseurin zeigt ihre Protagonisten immer wieder durch Fenster, abgetrennt vom Rest der Gesellschaft, als wären sie in Vitrinen und Formalingläsern ausgestellte empfindliche Präparate der menschlichen Spezies. Und in der Tat sind sie körperlich und seelisch fragil: Mária (Alexandra Borbély) und Endre (Géza Morcsányi) haben beide mit Handicaps zu kämpfen.

Sie ist Lebensmittelinspektorin, wirkt autistisch und zwanghaft, hat große Probleme mit sozialem und noch größere mit körperlichem Kontakt, die sie mit Ende 20 immer noch mit ihrem Kindertherapeuten bespricht. Er hat im Alter von rund 50 mit dem Leben im Grunde abgeschlossen, beobachtet das Tagesgeschäft in seinem Unternehmen, einem Budapester Fleischbetrieb, wie ein Außenstehender, an einer Körperseite hängt schlaff sein gelähmter linker Arm.

Enyedi zeigt aber auch immer wieder die Blicke ihrer Protagonisten aus der Vitrine hinaus. Sie lässt sie durch das Glas ins Freie schauen. Sie erkundet das Innenleben von Mária und Endre, das in ebenso einfachen wie poetischen Bildern einer traumhaften Naturidylle eingefangen wird.

Formalinglasperspektiven: Alexandra Borbély und Géza Morcsányi in On Body And Soul

Ein noch expliziter ausgestelltes Leitmotiv des Films ist das Animalische. Die Kulisse, in der Mária und Endre einander begegnen, ist ihr Arbeitsplatz, der Schlachthof. Als beinahe übertrieben deutliches Sinnbild reflektiert der Betrieb die materiellen Bedingungen der menschlischen Existenz. Die zu einem großen Teil maschinellen Vorgänge der Lebensmittelproduktion (Tötung, Ausweidung, Qualitätskontrolle) beobachtet die Kamera von Máté Herbai in quasi-dokumentarischen und entsprechend schonungslosen Aufnahmen, distanzlos und respektvoll zugleich. Die Handlung wird während der Nahrungsaufnahme weiterentwickelt, bei den so regelmäßigen wie tristen Zusammenkünften in der Kantine.

Im Schlachthof erfahren Mária und Endre auch, dass sie einander Nacht für Nacht begegnen: im Traum. Sie imaginieren sich als Hirschkuh und Hirsch im Winterwald bei zarten Zusammenkünften. Diese Bildebene etabliert Enyedi im Film vom ersten Moment an, zunächst als zwischen Märchenwelt und Kunstinstallation schwankenden Symbolraum, dann als zentralen, an die Realwelt rückgekoppelten Ort der Begegnung, der nach und nach verschwindet, je weniger er aufgesucht wird, und sich schließlich in gleißendes Licht auflöst.

On Body And Soul ist leise, genau, analytisch, magisch, unerbittlich und durchzogen von einem befreienden Humor, der manchmal fast ins Slapstick-hafte kippt und noch für Selbstmord wunderbar tragikomische Bilder findet. Poetischer, romantischer und dabei doch frei von Kitsch kann man das Klischeebild der „Traumfabrik Kino“ kaum auf die Leinwand bringen.

 
Testről és lélekről (On Body And Soul)
Ungarn 2017
Regie: Ildikó Enyedi
Mit Alexandra Borbély, Géza Morcsányi, Réka Tenki, Zoltán Schneider, Ervin Nagy u.a.