T2 Trainspotting – Griff ins Klo, Teil II

Gut investierte EU-Gelder: Ewan McGregor und Robert Carlyle testen die einstige „worst toilet in Scotland“.
Gut investierte EU-Gelder: Ewan McGregor und Robert Carlyle testen die einstige „worst toilet in Scotland“.

Ja, es wird wieder gedrückt. Die Fortsetzung des Junkie-Epos von Irvine Welsh und Danny Boyle ist ebenso pflichtschuldig wie gut drauf. Ab heute läuft T2 Trainspotting in den Kinos.

„Erst hast du mein Leben zerstört. Und jetzt machst du mir auch noch den Tod kaputt.“ Den Vorwurf spuckt Spud seinem Kumpel Mark ins Gesicht, der wie aus dem Nichts als Lebensretter auftaucht. Selbstmord im Arsch, die Scheiße geht weiter, schöne Bescherung.

Es fallen viele Sätze wie die von Spud in T2. Sätze, die man als ironische Kommentare auf das Unterfangen eines Trainspotting-Sequels verstehen kann. Regisseur Danny Boyle wurde 1996 für das Schmuddelig-Schmutzige seiner Adaption des gleichnamigen Irvine-Welsh-Romans gefeiert. Der Film über eine Handvoll Junkies in Edinburgh gilt als der Drogenfilm der Neunziger schlechthin. Die Fortsetzung 21 Jahre später lebt vor allem von Überblendungen von einst und jetzt, von einer seltsamen Sehnsucht und Verklärung selbst der härtesten Abstürze. Es wirkt, als hätte der Film den rechten Zeitpunkt verpasst. Porno, der Roman von Welsh, der als Vorlage für T2 dient, ist bereits 2002 erschienen. 15 Jahre später, da Schottland sich in Abhängigkeit vom UK unfreiwillig aus einem größeren europäischen Gemeinwesen geworfen sieht, versucht sich T2 an Witzchen auf Kosten von EU-Fördergeldern.

An Selbstreflexion mangelt es nicht in Teil zwei. An einer handfesten Story rund um die vier einstigen Freunde schon eher, was allerdings gar nicht groß auffällt. Mark, Spud, Sick Boy und Franco zanken sich um eine Kleinganovengeschichte von damals, es geht um Rache und natürlich darum, wie man schnell an Cash kommt. „Das Traurigste ist, dass mir einfach nichts Besseres einfällt“, meint Mark zu Sick Boy, als der ihn drängt, gemeinsam ein Bordell-Business hochzuziehen. Das Traurige an T2 ist, dass daraus trotzdem ein ziemlich unterhaltsamer Film wird, mit viel Tempo, viel Musik und den Boyle-typisch verspielten Tricksereien.

Trainspotter bei der Nicht-Arbeit: Ewen Bremner, Ewan McGregor, Jonny Lee Miller und Robert Carlyle (v.l.)
Trainspotter bei der Nicht-Arbeit: Ewen Bremner, Ewan McGregor, Jonny Lee Miller und Robert Carlyle (v.l.)

Die einstige Befürchtung des Romanautors, aus dem Stoff könne auf der Leinwand ein Sozialporno für das Arthouse-Publikum werden, konterten Boyle und Drehbuchautor John Hodge in den Neunzigern mit der Behauptung, ihren Film würde jeder Teenie im UK, ach was, überhaupt alle Welt sehen wollen. Sie sollten Recht behalten. Und nun müssen sie das Publikum von einst wieder mit Geschichten vom Drogenkrieg bedienen. Der Film macht das durchaus transparent: Nostalgie ist ein direkt angesprochenes Thema. „Du bist doch nur Tourist in deiner eigenen Jugend“, sagt Sick Boy zu Mark, der darauf – wie so oft in den auf Punchline-Effekt zugeschnittenen Szenen – keine rechte Antwort findet. Es gibt Globalisierungs-, Digitalisierungs- und Gentrifizierungswitze, also alles, was heute zur Small-Talk-Routine einer Ü-30-Party gehört. Und Ewan McGregor hält eine große Anti-Internet-Predigt auf den alten Anti-Drogen-Slogan „Choose life“ (siehe unten).

Ja, es wird Heroin konsumiert in T2. Wenn auch nur aus Pflichtschuldigkeit den einstigen wilden Zeiten gegenüber (und damit man die Frage nach dem Kinobesuch bejahen kann). Ja, es gibt auch wieder eine prägnante Toilettenszene. Statt Opiumzäpfchen ist die Droge der Wahl diesmal Viagra.

 
Mark Rentons „Choose life“-Monolog aus T2 Trainspotting:
Choose life
Choose Facebook, Twitter, Instagram and hope that someone, somewhere cares
Choose looking up old flames, wishing you’d done it all differently
And choose watching history repeat itself
Choose your future
Choose reality TV, slut shaming, revenge porn
Choose a zero hour contract, a two hour journey to work
And choose the same for your kids, only worse, and smother the pain with an unknown dose of an unknown drug made in somebody’s kitchen
And then … take a deep breath
You’re an addict, so be addicted
Just be addicted to something else
Choose the ones you love
Choose your future
Choose life

T2 Trainspotting
UK 2017
Regie: Danny Boyle
Mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova u.a.

Dieser Beitrag ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 373 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here