Paul Verhoevens Elle – Filmfeature zum Kinostart

Undurchsichtige, aber nicht unsympathische Soziopathin: Isabelle Huppert als Michelle in Elle

Robocop, Total Recall, Basic Instinct, Starship Troopers – die Filme von Paul Verhoeven prägten jahrzehntelang das Popcornkino genauso wie den Popdiskurs. Mit Ende 70 hat der holländische Regisseur und Jury-Präsident der 67. Berlinale nun seinen vielleicht kontroversesten Film gedreht.

Horrorfilme sind beliebte Date-Movies: Man gruselt sich zusammen und verlässt danach einträchtig den Kinosaal – als hätte man das Monster gemeinsam erledigt. Paul Verhoevens neuer Film ist so etwas wie der finstere Gegenpol zu solchen harmonisierenden Erfahrungen. Elle ist ein Film, der spaltet, der aufregt, der erschreckt – obwohl er mit Horror rein gar nichts zu tun hat. Der englische Filmkritiker Xan Brooks hat ihn, kontrovers aber nicht unpassend, als „rape revenge comedy“ bezeichnet. Wer schon an dieser Beschreibung Anstoß nimmt, sollte Verhoevens bitterböser Groteske besser fernbleiben.

Elle beginnt – und damit ist buchstäblich die erste Einstellung gemeint – mit maximaler Brutalität: Die Videospielproduzentin Michelle wird in ihrer Wohnung von einem maskierten Eindringling vergewaltigt und zusammengeschlagen. Was Verhoeven hier mit seinem Publikum anstellt, ist so komplex wie perfide: Völlig vor den Kopf gestoßen versucht man die grauenhaften Bilder einzuordnen und erkennt Michelle zunächst selbstverständlich als das Opfer dieser Geschichte an. Dann aber fängt der Film sozusagen erst an.

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Isabelle Huppert spielt die Protagonistin in einem der größten Coups ihrer an Höhepunkten nicht armen Filmografie als komplett undurchsichtige, aber auch nicht gänzlich unsympathische Soziopathin. „Ich schätze, ich wurde vergewaltigt“, erzählt sie ihren Freunden lächelnd bei Tisch und scheint die Fassungslosigkeit der anderen beinahe zu genießen. Wer ist diese Frau, fragen wir uns, die aus bloßem Spaß das Auto ihres Exmanns demoliert und generell mit den Menschen in ihrer Umgebung nach Belieben umspringt? Was treibt sie an? Eine nur langsam enthüllte Backstory scheint ein Licht darauf zu werfen: Michelles Vater ist ein berüchtigter Serienkiller, die Medien gaben ihr als Teenager damals eine Mitschuld an seinen Taten.

Ist Michelle also doch das Opfer einer beinahe lebenslangen Schmutzkampagne? Oder verbirgt sich hinter ihrem kühlen Auftreten wirklich ein vererbter, mörderischer Wahn? Verhoeven dringt bei diesem Verwirrspiel in immer extremere Regionen vor. Er ist dabei aber – und das ist vielleicht das Irritierendste an Elle – teilweise sehr amüsant. So oder so: Die Monster, die sich hinter dem so unscheinbaren Äußeren des Films verbergen, lassen einen auch lange nach Ende des Abspanns nicht los.

 
Elle
Frankreich, Belgien, Deutschland 2016
Regie: Paul Verhoeven
Mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny u. a.

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