Moiré „No Future“ / Review

Gute Miene zum bösen Ende: Mit seinem zweiten Album No Future beschwört der Londoner Moiré die Apokalypse herauf – und tanzt beschwingt am Abgrund.

Das Jahr hat kaum begonnen, und schon ist Schluss mit der Zukunft. Wobei man sich fragen könnte, ob die Zukunft nicht ohnehin bloß eine grammatische Kategorie ist, von der man gemeinhin ein bisschen zu viel erwartet. Dann gäbe es „die Zukunft“ als solche gar nicht. Oder sie ist, anders betrachtet, immer schon da (gewesen), vorausgesetzt, man ist bereit, den vorherrschenden Zeitbegriff einer gründlichen Revision zu unterziehen.

Bei dem Londoner Produzenten Moiré, der sein zweites Album No Future genannt hat, ist die Sache einfacher und zugleich radikaler gedacht: Die Menschheit steuert für ihn derzeit ihrem Ende entgegen, befördert vor allem vom zunehmend irrsinnigen Kurs rechter oder nationalistischer Politiker. Und auch wenn man selbst nicht gleich die Apokalypse an die Wand malen möchte: Die Aussichten sind düster.

Für Moiré hingegen scheinen die Geschäfte vorerst wie gehabt weiterzulaufen, musikalisch jedenfalls. Der im Umfeld des Labels Werkdiscs sozialisierte Musiker lässt nach wie vor Anklänge an den neblig-verschleppten House von Labelchef Actress erkennen. Dabei ist auf No Future eine leichte Abgrenzung zu erkennen: Während Actress auf seinem bis heute letzten Album Ghettoville einen kunstvoll kaputten Stil kultivierte, korrigiert Moiré diesen Ansatz vermehrt in Richtung Übersichtlichkeit und sauberem Klang. Auch bei ihm scheppert es gelegentlich noch, ansonsten setzt er, stärker als auf seinem Debütalbum Shelter, eigene Akzente mit prägnanten Bässen und Rekursen auf Detroiter Technotradition. Nicht in nostalgisch, sondern als Arbeitsgrundlage, von der aus er seinen eigenen Stil etabliert. Manchmal bleibt es hingegen beim bloßen Zitat, wie etwa der kraftwerkoide Beat in „Opposites“, doch das sind Ausnahmen.

Der Kontrast, den das vorwiegend freundliche Auftreten Moirés zum pessimistischen Albumtitel bildet, wird zusätzlich verstärkt durch Gaststimmen in drei Tracks, beigesteuert vom Rapper DRS und dem Dichter James Massiah. Wer darin einen Widerspruch sehen will, sitzt einem ästhetischen Missverständnis auf – nämlich, dass künstlerische Form und Inhalt aufeinander „verweisen“ müssten. Stattdessen wirkt der warnende Appell bei Moiré durch den Gegensatz fast noch bedrohlicher. Man kann schließlich auch am Rand des Abgrunds noch tanzen.