„Ich singe den Blues” – Entrance im Feature

Foto: Guy Dallas

Entrance, The Entrance Band oder schlicht und ergreifend Guy Blakeslee – seit 20 Jahren veröffentlicht der Künstler aus Los Angeles unter diversen Namen und Konstellationen Musik. Für Book of Changes kehrt er zu seinem ersten Alter Ego zurück. Mit SPEX sprach Blakeslee über den Kern des Songs, chinesische Wahrsagung und blaue Gespenster. 

Is that your mum?”, fragt Blakeslee und erspäht amüsiert einen kleinen Ausschnitt Berliner Redaktionsalltags, der sich ihm in der Limitierung der Webcam bietet. Dabei ist Alltag eigentlich zu viel gesagt. Denn tatsächlich ist es aufgrund der Zeitverschiebung zwischen Berlin und Los Angeles schon Stunden nach Büroschluss – im Hintergrund wird schon geputzt.

Mit Einblicken in andere Welten sollte sich der Singer-Songwriter aber auskennen. Sein Alter-Ego Entrance spielt bewusst mit der Doppeldeutigkeit des englischen Begriffs, einer Kombination aus „eintreten” und jemanden hypnotisieren. Wer mit Blakeslee über Musik sprechen will, muss auf Transzendenzen gefasst sein. „Über das Musikmachen oder Singen versetze ich mich in einen anderen Zustand. Es ist eine Art Tor, das verschiedene Dimensionen verbindet”, erzählt er auf die Frage, ob er sich als spiritueller Mensch begreifen würde. Dann kramt er kurz hinter seinem Schreibtisch und zieht ein kleines, schwarzes Notizbuch mit Ledereinband hervor. Er blättert darin und hält die eng beschriebenen Seiten in die Kamera. Jeden Morgen notiere er darin seine Gedanken, direkt nach dem Aufwachen, ohne Wertung, ungefiltert. „Es ist fast meditativ. Ich lasse meine Gedanken vom Unterbewussten auf das Papier fließen. Wenn ich es richtig mache, fühlt es sich definitiv so an, als würde ich durch einen Geist oder eine Energie geleitet, zu der ich nicht immer Zugang habe.”

„Ich lasse meine Gedanken vom Unterbewussten auf das Papier fließen.”

Wen wundert’s also bei all dieser Fokussierung auf Übersinnliches, Spirituelles, dass sich der Titel des neuen Entrance-Albums auf ein antikes chinesisches Wahrsagesystem bezieht. Book of Changes ist eine Übersetzung des religiösen Texts „I-Ging” – einem der ältesten chinesischen Texte aus dem dritten Jahrtausend vor Christus. „Du kannst eine Münze werfen oder Streichhölzchen ziehen und das I-Ging hilft dir bei einer Entscheidung oder sagt dir, wie du dich in einer Jahreszeit am besten verhalten sollst”, erklärt Blakeslee. Mit Book of Changes hatte er auch eines seiner Notizbücher überschrieben. „Mir gefällt die Idee, das Leben als eine Aneinanderreihung von Veränderungen und Entscheidungen zu begreifen. Es ist ein bisschen wie diese Abenteuer-Bücher – Insel der 1000 Gefahren.”

Abenteuerlich sind auch die zehn Lieder, die inhaltlich von der Idee des Book of Changes zusammengehalten werden, stilistisch teilweise aber weit auseinander reichen – vom „western bolero” bis zum düster-romantischen Flamenco, wie Blakeslee seine Musik selbst beschreibt. Jedem Song liegt aber der gleiche Schreibprozess zu Grunde, eine bewusste Rückkehr zur amerikanischen Folk-Tradition. „Es gibt einige wenige Künstler, die noch richtige Lieder schreiben, aber tendenziell ist das leider etwas, was gerade verloren geht”, bedauert Blakeslee. „Das soll jetzt nicht fies klingen”, schiebt er schnell ein, bevor er von Künstlern spricht, deren Shows mehr an ein Multimedia-Spektakel erinnern, deren Musik aber recht bedeutungslos sei.

Als Gegenpol zu den Beat-orientierten Produktionen, die sich seit den Achtziger- und Neunzigerjahren herausgebildet haben und heute die Musikszene dominieren, zog Blakeslee sich mit seinen Notizbüchern und einer Gitarre zurück, um Lieder zu schreiben, die auch ohne Drumcomputer funktionieren. „Ich wollte, dass ich nur mit meiner Gitarre einen Raum betreten und einfach meine Songs für ein Publikum singen kann”, so sein erklärtes Ziel. Während des Schreibprozesses war es ihm außerdem wichtig, sich vom Informationsüberfluss der digitalen Welt zu lösen. „Ich wollte ein bisschen Stille um mich herum haben, um meine eigenen Ideen zu hören und zu wissen, dass sie von mir stammen und nicht von dem Lärm da draußen.”

„Wenn du einen Typen mit Gitarre siehst, der im Begriff ist, ein Lied anzustimmen, dann ist deine erste Reaktion: Das wird nicht gut sein”, meint Blakeslee weiter. „Aber wenn du zurück blickst, in die Zwanziger-, Dreißiger- bis in die Sechziger- und sogar Siebzigerjahre, dann war genau das eine Garantie für richtig gute Musik.” Der Mann mit der Gitarre. Der Künstler, der sich aus dem digitalen Datenstrom zurückzieht, um in der selbst erwählten Einsamkeit romantische Folksongs mit gezupften Country-Melodien zu schreiben – es ist leicht, Blakeslee in all seiner Gegenwartskritik eine Flucht ins Reaktionäre zu unterstellen. Dabei geht es ihm nicht um den „Früher war alles besser”-Kanon rückwärts gerichteter Folkies, die in verlassenen, rauen Berglandschaften das Holz für den Kamin selbst hacken. Seine Faszination für alte Folk-Traditionen ist vom Willen getrieben, Teil eines großen Pools an musikalischer Sprache zu sein, und dennoch seinen eigenen Ausdruck in den überlieferten Stilmitteln zu finden.

„Leute retweeten Songs. Sie hören etwas, das sie toll finden, und machen eine andere Version davon. Aber sie stecken nichts von sich selbst hinein.”

„Das Großartige an der Musik ist, dass du so vieles hörst, auf das du dich beziehst, das deine Musik beeinflusst. Und dennoch kann man einen Weg finden, sein eigenes Ding zu machen.” Sich die Sprache anderer Künstler anzueignen und doch die eigene Originalität zu entwickeln, brauche aber Zeit. „Heute habe ich bei manchen Songs das Gefühl, die Leute retweeten sie nur. Sie hören etwas, das sie toll finden, und machen eine andere Version davon. Aber sie stecken nichts von sich selbst hinein.”

Und wie klingt ein „echter Blakeslee”, wenn er durch den Prozess der Aneignung und Re-Originalisierung gegangen ist? „Jedes Mal, wenn ich nach Amerika reise und am Flughafen gefragt werde, was für Musik ich spiele, sage ich: Ich singe den Blues. Damit kann jeder etwas anfangen.” Tatsächlich stammt der Begriff des Blues aus dem frühen 20. Jahrhundert und wurde von den sogenannten „Blue Meanies” abgeleitet, also gemeine ‚blaue’ Geister, die einen heimsuchen und traurig stimmen. Der inflationäre Gebrauch des Genre-Begriffs Blues sorgt allerdings eher für Verwirrung: „Ist das jetzt Led Zeppelin oder B. B. King, Robert Johnson oder so was schräges wie Stevie Ray Vaughn?” Blakeslee bezieht sich – wer hätte das gedacht – auf dem Ursprung des Begriffs. „Für mich bedeutet Blues etwas, das versucht, mit dem Zustand des Mensch-Seins umzugehen, Gefühle zu erfahren und sich von etwas heimgesucht zu fühlen.”

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