Tim Darcy „Saturday Night“ / Review

Tim Darcys neues Selbstbewusstsein als Künstler: Saturday Night ist, obwohl laut Waschzettel in der Rumpelkammer eines eigentlich für die zweite Ought-Platte gebuchten Studios entstanden, viel mehr als ein Sammelplatz für Ausschussware.

Sitzen ist besser als stehen. Das weiß die Menschheit nicht erst seit gestern. Kein Wunder also, dass die Geschichte des Popalbumcovers auch eine Kulturgeschichte der Sitzposen ist. Bob Dylan etwa saß 1965 auf Highway 61 Revisited derart provokativ in seinem Papageienjäckchen herum, dass man schon auf den ersten Blick wusste, was es auf die Ohren geben würde. Michael Jackson aalte sich hingegen auf Thriller so slick in Miami-Vice-Anzug und wetgegelter Matte durchs Bild, wie das Album am Ende auch klang. Und kürzlich sagte Drake, auf dem CN Tower seiner Heimatstadt Toronto hockend, schlicht: Ich bin der Geilste.

Nun sitzt mit Tim Darcy, hauptberuflich Sänger und Gitarrist der famosen amerikanisch-kanadischen Rockband Ought, der nächste auf einem Cover herum. Klosterschülerfrisur, dezent aufgeknöpftes Hemd, Springsteen-Jeans, übereinandergeschlagene Beine, stoischer Blick in die Kamera: Was wollt ihr? Ich hab die Sache hier im Griff. Das war natürlich nicht immer so. Im Leben läuft nicht alles rund, aber man kann trotzdem etwas daraus machen, meint Darcy auf Saturday Night: „If at the end of the river there is more river, would you dare to swim again?“, fragt er im Opener „Tall Glass Of Water“. Antwort: Klar doch, „I went under once, I’ll go under once again“. Lebensmut durch Akzeptanz.

Klosterschülerfrisur, dezent aufgeknöpftes Hemd, Springsteen-Jeans, übereinandergeschlagene Beine, stoischer Blick: Was wollt ihr? Ich hab die Sache hier im Griff.

Diese Einsicht führt im ersten Drittel seines Solodebüts noch zu Spartenhits wie dem wunderbar nach Siebziger-Countryradio klingenden „Still Waking Up“. Die restlichen zwei Drittel klingen hingegen suggestiv und skizzenhaft, wie eine Mischung aus dem Ideenüberschuss, den etwa Neutral Milk Hotel auf ihre Platten auszuschütten pflegen, und dem Popgenie im substanzbedingten Wartestand à la Lou Reed auf Solopfaden.

Doch gerade in Songs wie „Found My Limit“ oder „What’d You Release“, die Darcys prägnanten Gesang mit nur minimaler Instrumentierung begleiten, zeigt sich dessen neues Selbstbewusstsein als Künstler. Saturday Night ist, obwohl laut Waschzettel in der Rumpelkammer eines eigentlich für die zweite Ought-Platte Sun Coming Down gebuchten Studios entstanden, viel mehr als ein Sammelplatz für Ausschussware. Anders gesagt: Es sitzt für sich selbst.